gabriel riquelme
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Skizze

Manés Geheimnis

Sie wusste schon lange nicht mehr, seit wann sie schon wach lag. Die Sekunden vergingen, wie Stunden und die Stunden fühlten sich an wie eine Ewigkeit. Der gestrige Tag hätte genauso gut letzte Woche sein können. Die Gedanken in ihrem Kopf hatten ihr gefühlt unendlich viele Geschichten erzählt und die Varianten, in denen sie sich wiederholten und doch immer wieder, wenn teils auch nur minimal veränderten, erschienen ihr wie alle jemals möglichen Versionen der Ereignisse auf einmal. Als wären ihre Fantasie und die darin enthaltenen Versionen der Geschichten ein eigenes kleines Multiversum. Sie musste leise über sich selbst lachen, vorsichtig, mehr in sich hinein und etwas verschmitzt, um Leo neben ihr nicht zu wecken. Leonardo schlief wie ein Stein - wie immer.

Abends drehte er sich um sobald er im Bett lag und keine zwei Minuten später da schlief er schon. Manchmal wälzte er sich etwas hin und her um die richtige Position und Konstellation an Arm, Bein und Kopfkombinationen zu finden doch spätestens nach der vierten Runde war er weg. Manchmal schnarchte er, doch meist ließ er sich durch ein paar kleine Schubser oder leichte Stöße in die Seite wieder ruhigstellen. Ab und zu setzte auch sein Atem aus. Er hörte einfach auf zu atmen - nur um dann kurz darauf wie ein Ertrinkender „aufzutauchen“ und tief röchelnd Luft zu holen. Anfangs hatte sie öfter wach gelegen und ihn angestupst damit er weiter atmete, aber irgendwann hatte das aufgehört.

Sie hatte ihn sich selbst überlassen und sich gesagt er sei ja nun auch bisher am Leben geblieben. Der Gedanke belustigte sie, aber er machte sie auch etwas traurig, sie hatte sich irgendwie gut gefühlt ihn so am Leben zu halten und sich zu kümmern. Aber so viele Dinge hatten aufgehört, je länger sie darüber nachdachte, desto mehr fielen ihr auf.

Wie das abendliche Ritual, dass er ihr die Socken auszog und ihre Füße küsste und manchmal sogar massierte. Sie hatte sich anfänglich geschämt, weil sie dachte ihre Füße müssten doch stinken von den vielen Wegen, die sie auf der Arbeit lief, den ganzen Tag auf den Beinen. Doch er hatte sie nur ausgelacht, ihre Socken ausgezogen und zärtlich ihre Füße gestreichelt. Ein bisschen hatte er sie gezwungen, die Augen zu schließen sich auf den Rücken zu legen und zu genießen dass er ihre Füße küsste. Und es war wirklich nicht so schwer gewesen, wie sie gedacht hatte, es war sogar wunderschön. Als seine warmen vollen Lippen ihre Zehen berührten und sie langsam umschlossen, er mit seiner Zunge spielerisch zwischen ihre Zehen fuhr und an den Zehenspitzen zu knabbern begann.

Sie hatten sich oft geliebt, weil sie seine laszive und sinnliche Art ihren Körper zu begehren unheimlich erregt hatte. Schon sein Blick, wie er voller Liebe und Hingabe ihre Füße und Beine und schließlich ihren ganzen Körper und ihre Haare und ihr Gesicht betrachtet hatte. Ihr war immer heiß und kalt geworden - wie Schmetterlinge aus heißem Eis hatte sie immer gedacht, die schmelzend ihre Beine hoch flatterten und sich über ihren Oberkörper ergossen - so wie seine warmen starken Hände.

Sie seufzte und spürte dass sie traurig war. So lange war das alles her - und doch erst vier Jahre. Wann hatte er sie das letzte Mal so angesehen, angefasst und geküsst? Sie wusste es nicht zu sagen, ein bisschen schuldbewusst spürte sie die Jogginghose an ihren Beinen und ihren Schlafpullover, in dem sie neben seinem nackten Körper lag. Auch sie hatte lange keine Kraft und Energie aufgewandt das Feuer in ihrem Leben zu entfachen. Den Kopf voll

sehnsüchtiger traurig erotischer Gedanken schlief sie ein und wachte etwas zermürbt beim zweiten Klingeln des Weckers um kurz nach sieben auf.

Zerknirscht versuchte sie die Knoten mit den Fingern aus ihrem verschlafenen Haar zu entwirren und wankte noch halb dösend ins Badezimmer. Leo lag noch träumend dahin gestreckt und atmete schwer. Schnell zog sie sich ihre Arbeitskleidung an und huschte möglichst leise aus dem Haus. Draußen war der Tag noch grau und dunkel und nicht mal die Tauben waren munter, müde und fast griesgrämig gurrend hockten sie auf den Strommasten vor ihrer Haustür. Schnellen Schrittes lief sie an der Bäckerei vorbei und grüßte die ältere Dame hinter der Theke mit einem missmutigen Lächeln, halb traurig, halb verschlafen und doch erfreut das freundliche und so warme Gesicht der Bäckerin wie jeden Morgen zu sehen. Wie dampfend rundes süßes herzerwärmendes Gebäck lächelte die Alte ihr jeden Morgen entgegen und wie auch diesen Morgen schenkte sie ihr damit das erste Glück des Tages.

Auf halbem Wege kam sie an einer langen alten Backsteinmauer vorbei. Die Mauer war die rückseitige Begrenzung des Schulhofes, auf die allerlei bunte Kinderbilder gemalt waren, Bäume, Blumen, Elefanten und Tiger und in großen schiefen bunten Lettern stand „Stoppt den Krieg“. So oft, wenn sie hier vorbei ging, lächelte sie, ob der so naiven und doch so unabdingbaren Forderung die hier von Kindern, der Zukunft dieser Welt an diese alte Wand gemalt worden war und sie fragte sich, würden sie wohl, wenn sie diese Zukunft dann als Erwachsene verwirklicht hatten dafür sorgen dass dieser Frieden kam? Obwohl dachte sie, diese Kinder studierten mittlerweile sicher schon oder arbeiteten irgendeinen monotonen 9 to 5 Job und waren wie sie stumpf und trüb geworden gegenüber den funkelnden Träumen der Kindheit.

Auf halbem Weg an der Mauer vorbei, stockte sie plötzlich. Dort steckte in einer Ritze ein kleiner Brief mit ihrem Namen drauf. Ein kleiner weißer Umschlag auf dem mit blauem Stift ein Name stand - Mané. Das war unmöglich ein Zufall, sie kannte niemand anders mit diesem Namen. Langsam und zögernd griff sie nach dem Brief. Der Umschlag hatte ein recht sonderbares Format und war aus ungewöhnlich festem Papier, fast schon Karton. „Da habe ich aber Glück, dass es nicht geregnet hat“ dachte sie lächelnd. Sie merkte wie sich ein aus innen strömendes lächeln, wie ein kleines Rinnsal auf ihre Lippen stahl. Sie freute sich. Sie war aufgeregt. Sie hatte den Brief noch nicht geöffnet und war trotzdem glücklich - jemand hatte an sie gedacht, sich so eine Mühe gemacht. Sie konnte es fast schmecken, dieses funkeln, es riechen - so wie den Tau auf einer Wiese im Sommer, wie Haut nach einem Sonnenbad. Es war ein ganz besonderer Geruch. Ein Abenteuer flimmerte da um sie herum.

Und plötzlich wie ein Stechen kam das schlechte Gewissen. Was wenn das ein Verehrer war?

„Und selbst wenn“ dachte sie „woher soll ich es wissen, wenn ich den Brief nicht öffne.“ Und so nahm sie den Umschlag an sich und lief schnell weiter auf ihrem Weg zur Arbeit.

Im Café angekommen, lief alles wie von selbst, die Routine der Jahre hatte sich einen eigenen Weg gebahnt und fast schon unbewusst richtete sie alles her und stellte Tische, Stühle, Tassen und Teller bereit für den morgendlichen Betrieb. Wie immer kam Natalia eine Stunde nach ihr, um mit ihr zusammen den Laden zu eröffnen. Die Stunden vergingen wie im Flug, das Morgengeschäft mit all den alten bekannten Gesichtern war ihr mittlerweile wie eine zweite Haut geworden, die kleinen Scherze, die Floskeln, die immer gleichen Bestellungen der Stammgäste. Ab und an kam eine Gruppe Touristen vorbei oder ein Pärchen, ein paar junge Erwachsene die wundernd und staunend durch die Stadt zu schweben schienen, wie Blätter im Wind der Entdeckung. Sie wünschte sich so sehr auch diese Muße zu haben, auch mal durch diese Straßen zu laufen und das Staunen wieder zu entdecken.

Sie erinnerte sich noch als sie das erste Mal in diesem Moloch aufgeschlagen war. Frisch vom Boot, wie sie immer lachend erzählte. Dabei war sie damals mit dem Flieger gelandet, wollte ihre Cousine besuchen und war am Ende geblieben. Einerseits weil sie so eine Freiheit genoss, die ihr zu Hause wohl so nie möglich gewesen wäre, andererseits weil ihr Vater krank geworden war und die Behandlungskosten in Cartagena nicht zu erwirtschaften gewesen wären. So war sie hiergeblieben und hatte angefangen zu arbeiten und zu arbeiten und zu arbeiten und zu arbeiten.

Als es ihrem Vater wieder besser ging, hatte sie hier ein Leben gehabt, sie hatte Leo schon kennen gelernt. Er hatte wie sie hier sein Glück gesucht, nur war sein Motiv schmerzhafter gewesen. Zwar war seine Heimat auch von der weißen Seuche betroffen wie ihre, aber dort kleidete sich der Tod nicht in Markenklamotten und verzauberte gierige Gringos mit der Unschuld der billigen Mädchen und der Illusion von Reichtum und Macht. Nein, dort fuhr er in Pick Ups mit MGs und Skimasken, den Körper voller Tattoos durch die Straße und zerteilte all die die nicht zahlen konnten in kleine Teile, um sie auf den Plätzen zu verstreuen, als Exempel für die Mutigen. Eins dieses Puzzle aus Menschenfleisch waren Leos Eltern gewesen, die ihre Abgaben an die Kartelle nicht mehr zahlen konnten.

Vielleicht war es das gewesen, was sie an ihm so fasziniert hatte, diese unglaubliche Tiefe in seinen fast schwarzen Augen. Wie ein dunkler See ohne Grund, so viel Nacht und Schwere lag darin, wie das all nur ohne Sterne. Und dennoch, war seine Seele keine Hölle, er brannte nicht er strahlte. Sie konnte manchmal kaum glauben und noch weniger verstehen, wie er das machte, all den Schmerz und das Leid, das er kannte und erlebt hatte, wo war das geblieben, warum lächelte er sie jeden Morgen an, so voller liebe und Wärme.

Das Erinnern gab ihr einen neuerlichen Stich wegen des Briefes - der Brief! Mané gab Natalia Bescheid dass sie kurz aufs Klo musste und zog sich zurück in die Abgeschiedenheit des kleinen Badezimmers fürs Personal hinter der Küche.

Nervös holte sie den Brief aus ihrer Tasche und fühlte das feste Papier. Sie ließ es zwischen ihren Fingern hin und her gleiten, unschlüssig, ja unsicher was sie tun sollte. „Que hago contigo eh, y de donde vendras?“ Fragte sie den kleinen Umschlag mit ihrem Namen.

Schließlich gab sie sich einen Ruck und öffnete ihn, darin befand sich ein gefalteter Brief. Sie klappte ihn auseinander und las die wenigen Worte, die draufstanden:

„Jeden Morgen seh ich dich strahlen. Ich sehe dein licht auf dieser Straße und dein Leuchten in diesem Café. ich spüre dich trotz all dieser weite und wundere mich, werde ich deines Dufts je trunken? Wirst du je in meinen armen schlafen tief versunken?“

Sie war sprachlos, wieder und wieder las sie diese wenigen Worte und war irritiert und verwirrt und gleichzeitig zutiefst berührt. Sie hatte mit vielem gerechnet, mit einer Telefonnummer, einer Frage für ein date vielleicht auch mit ein paar netten Worten, aber mit sowas? Was sollte sie damit anfangen? Plötzlich hörte sie Natalias Klopfen an der Küchentür: „Negra, estas bien? Wenn du keine Schmerzen hast, schwing deinen Zuckerarsch nach vorne Mami - si hay trabajo!“ „Mané lachte: „si si Amor, alles gut ich komme“

Als es langsam dunkel wurde und auch die Gäste langsam, aber sicher ihren Weg nach Hause suchten, begannen Natalia und Mané den Laden zu schließen. „Sag mal gorda, ist alles gut mit dir heute?“ Fragte Natalia „du warst zwischendurch irgendwie so abwesend. Bei Euch zu Hause alles ok?“ „Ach ja, alles wie immer, Mami Leider“ Mané lachte bitter. „Weißt du ich liebe ihn, aber irgendwie frage ich mich langsam, ob das alles war? Jeden Tag dasselbe und kaum Luft für uns? Er weiß alles über mich und ich über ihn, ich habe ihn in Momenten gesehen, in denen ich wirklich niemanden sehen wollte und trotzdem lieb ich ihn.“ „Hmmmm.“ Antwortete Natalia „ja, das kenn ich nur zu gut. Parece que se apago la llama, um nicht vom Feuer zu sprechen „lachte sie. „Ja irgendwie schon, aber ich will auch niemand anderes an meiner Seite.“ „Pues entonces mi hermanita linda, dann beleb das Feuer y ahora vamos. Mi gordito, hat arepas gemacht und ich habe Hunger.“ Mit diesen Worten schlossen sie den Laden und machten sich beide nach einer innigen Umarmung auf den Heimweg.

Als sie nach Hause kam, roch sie schon im Hausflur das Essen. Leo hatte Reis mit Hühnchen gemacht. Der Duft von gebratenen Bananen und dem Koriander schwang als eine karibische Aromafahne wie ein kleines Willkommenskomitee im Treppenhaus um sie zu umschmeicheln und zu begrüßen. „Hola negra“ schallte es aus der Küche als Leo die Haustür hörte, seine Stimme übertönte die lauten Klänge von el Nazareno, dass er voller Inbrunst mitsang. Leo liebte Salsa über alles. Er war ein begnadeter Tänzer gewesen wie er so gern erzählte und das stimmte auch. Nur das mit der Vergangenheitsform war ein manchmal liebevoller, manchmal vorwurfsvoller Seitenhieb, da sie mittlerweile kaum noch tanzten und er ohne sie auch nicht mehr raus ging.

Sie aßen zusammen, nachdem sie geduscht hatte, und zogen sich dann nach dem Abwasch auf die Couch zurück um noch „ihre Serie“ zu schauen.

In der Hälfte der Folge nahm sie die Fernbedienung und stoppte die Sendung. Sie schaute Leo an und fragte“ sag mal Amor, bist du glücklich?“ Sie sah in seinen Augen Schmerzen aufflackern und Angst „Warum fragst du das“ fragte er in seinem warmen Akzent. „Weil es mich interessiert? Willst du unser Leben?“ „Ich bin glücklich ja, und jetzt will ich mit meiner

negrita Linda, meiner Frau, meine Sendung schauen, um mir Kraft zu holen für morgen, por favor mi cielo, dejame descansar.“ „Ja, ist gut“ sagte sie leise und nahm seinen Kopf in ihre Arme. Nach kurzer Zeit war er auch schon eingeschlafen, sodass sie ihm seine Decke und ein Kissen holte und ihm auf dem Sofa seinen Schlafplatz machte. Schließlich ging sie ins Schlafzimmer und legte sich allein in ihr Bett. Es dauerte, bis sie eingeschlafen war und auch die Nacht kam nicht als Freund in ihre Laken.

Am nächsten Morgen, als sie aufwachte, war Leo schon weg. Er hatte ihr auf dem Spiegel im Bad ein großes Herz mit ihrem Lippenstift gemalt und sie lächelte gequält. Das war süß, aber der Lippenstift hatte so viel Geld gekostet, dass sie von dieser Marke nur einen einzigen besaß. „El precio de nuestro amor“ dachte sie und machte sich fertig.

Sie merkte dass der Weg heute anders war als noch gestern, die Möglichkeit eines weiteren Briefes ließ sie zielstrebiger und schneller gehen als sonst. Sie erreichte die Mauer mit den bunten Bildern und suchte mit fliegendem Blick nach der Stelle, wo sie gestern den Brief gefunden hatte - doch da war nichts. Der Spalt war leer - kein Umschlag, kein Brief, kein Zettel. Hastig schaute sie sich um, vielleicht hatte sie sich geirrt und es war ein anderer Spalt? Aber auch sonst fand sie nichts. Etwas traurig und gleichzeitig auch über sich selbst schmunzelnd eilte sie weiter zur Arbeit. Sie hatte zu lange die Wand abgesucht und war fast schon zu spät und sie musste sich beeilen, um alles rechtzeitig vorzubereiten fürs Tagesgeschäft.

Natalia kam heute pünktlich und half ihr den Laden zu eröffnen. Der Tag verging langsam und sie erwischte sich oft dabei ihren Gedanken nachzuhängen und verträumt irgendwelche völlig unsinnigen Tätigkeiten auszuführen, sodass Natalia sie gegen Ende des Tages zur Rede stellte. „Ok Mami, was ist los? Ich kenne diesen Blick und diese Träumereien von dir, aber es ist schon ein paar Jahre her dass ich sie gesehen habe.“ Mané schaute schuldbewusst zu Boden „shit“ dachte sie und lachte „Ok ich erzähl es dir, aber … „Natalia schaut sie wütend an „No jodas, erzähl mir nicht ich soll nichts erzählen, was glaubst du mit wem du redest Mama!“ Beide lachten und setzten sich an den Tresen, Natalia holte zwei Gläser Tee und Mané begann ihr von der Mauer, dem Brief und ihrer Situation zu erzählen und sie merkte, wie gut es tat all das zu teilen. Nicht nur der Brief vielmehr eigentlich war es ihr täglicher Schmerz und die Sehnsucht, das in ihrer Ehe Alleinsein und der Alltag und seine Last, die sie nun hier mit Natalia teilte. Der Brief wirkte am Ende trotz der ganzen Aufregung, für die er sorgte, fast wie ein Detail. Als sie fertig war, schaute Natalia sie lange, schweigend an, um nach einer gefühlten Ewigkeit ein Schmunzeln auf ihren dunklen vollen Lippen zu zeigen. „Aha, einen Verehrer hast du also, ja? Na, ich mein, das wundert mich nicht, du bist la chica mas sabrosa del barrio. mit deinen kurzen Beinen verdrehst du hier seit langem schon dem halben Viertel den Kopf.“ Mané lachte und schalt sie eine Lügnerin, merkte aber wie gut es sich anfühlte zu hören dass sie begehrt oder zumindest bewundert wurde.

Ihr Blick in den Spiegel jeden Morgen erzählte ihr ganz andere Dinge. Sie sah schon lange nicht mehr die wunderschöne Colombiana mit haaren schwarz, wie Ebenholz und Lippen voll und rot wie Rosen - so hatte Leo es halb im Scherz mit seinen etwas lahmen Schneewittchen vergleichen zumindest oft beschrieben. Und die wahre Bewunderung, das Begehren und die Liebe in seinem Blick hatte diesen sonst leeren Worten die Tiefe und das Feuer gegeben, um ihr Herz zu berühren. Sie selbst sah sich als eine aus der Form gegangene, aber sonst attraktive Frau, vor allem entdeckte sie aber immer wieder neue Falten, Augenringe, unreine Haut, und jeden noch so kleinen Makel immer deutlicher und schärfer.

Das passte auch so gut zu ihrem Gefühl der Leere des Alltags und der fehlenden Intimität und Nähe, sodass sie sich auch oft fragte vielleicht lag das ja auch an ihr, die Distanz und das Fehlen von Sex und Begehren. So waren diese Worte von Natalia und am Ende auch der Brief wie ein warmer Sommerregen für ihr wundes Herz. Sie begannen gemeinsam zu überlegen, ob es wohl einer der Stammgäste sein konnte? Zumal die Worte sich so lasen, als wäre es jemand der sie schon öfter gesehen zu haben schien. Den Kopf voller Spekulationen, Klatsch und chisme machten die beiden sich daran den Laden zu schließen und verabschiedeten sich wie immer herzlich, bevor sie auseinandergingen.

An diesem Abend war sie allein zu Hause, Leo war mit seinen Jungs beim Training. Er war seit langem mal wieder zum Sport gegangen und sie war froh darüber. Zum einen hatte sie so den Abend ihre Ruhe und konnte endlich ein Bad nehmen und sich auch Zeit nehmen, die Geschehnisse zu sortieren. So konnte sie alles nochmal durchgehen und in Ruhe zu fühlen was los war. Zum anderen wusste sie aber auch wie wichtig es für ihren Mann war, sich zu bewegen und Zeit mit seinen Freunden zu verbringen. Sie kannte seine Geschichte und wusste, wenn er zu viel allein war, wurde er schwer. Diese Schwere war zeitweise, wie ein bleiernes Gefühl, das ihren Alltag füllte, als ob die Luft wie Tonnen Sand auf sie drückte und jeder Atemzug so viel Kraft kostete in seiner Nähe. Er strahlte dieses dunkle Wabern aus, wie ein Sog aus Trauer und ewiger Nacht. Anfangs hatte sie ihn immer in den Arm genommen und versucht diese Trauer mit Liebe zu füllen, aber irgendwann war ihr klar geworden dieses bodenlose Loch war nicht zu füllen - sie mussten damit leben.

Ihr kam der Moment in den Sinn als Leo sich das erste Mal wirklich geöffnet hatte. Sie hatten im Bett gelegen und nach einem Streit und dem leidenschaftlichen Versöhnungssex bis tief in die Nacht miteinander gesprochen. Bis heute schmerzten die Worte, die er gesagt hatte, sie wie eine wunde. und so schön auch seine Sprache war, so bitter war zu hören was in ihm brannte.

„wie wertlos ich mich fühle lässt sich so schwer sagen, ich habe Angst meinem Spiegelbild, meinem eigenen Antlitz zu begegnen, um mich nicht weiter zu enttäuschen. Es ist so ganz anders als das Bild, das all die andren von mir haben. wüsstet ihr wen ich im Spiegel seh, sähet ihr wen ich im Herzen trag, eure liebe würde frieren. wie Blüten zart auf Trockeneis, brüchig zerbröckeln beim ersten blick. verdampfen würde die Achtung, all die lächeln würden hart und je weiter ich mich heuchle als glücklich warmer Mann, desto tiefer wird der Abgrund in meiner Seele in den ich renn. so dunkelschwarz, so trist und kahl, seh ich

mich nur als Schatten. Ich bin matschig, faul und ausgehöhlt, bitter, mürbe, kraftlos und gebrochen, enttäuscht und erdrückt, voll klammer Kälte. will nur noch taub und schlafend sein, nichts mehr fühlen so nicht leben, einfach raus aus diesem Alb.

Als Leo nach dem Sport nach Hause kam lag sie schon im Bett und schlief tief und fest. Er stand in der Tür zum Schlafzimmer und betrachtete sie, wie sich die Decke um ihren Körper schmiegte und ihr Haar wie schwarzes Wasser über ihr Kissen floss und in wilden Formen so wundervoll schmeichelnd um ihr Gesicht wogte. Er machte zwei Schritte auf sie zu, zögerte und drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer. Fast aus der Tür drehte er sich nochmal um, um sie anzuschauen, fast wie ein Abschiedskuss begleitete sie sein trauriger Blick bis in ihre Träume.

Der Morgen kam wie kalter Tee, frisch und kühl und dennoch trug er die Bitterkeit der Nacht in all ihren Nuancen noch in sich. Ihrer dampfenden Hitze beraubt klangen diese Gefühle nun nur noch schärfer in ihr. Sie folgte ihrem morgendlichen Ritual und sah Leo der heute Spätschicht hatte noch schlafend im Bett liegen.

Als sie aus der Tür ging, spürte sie wieder dieses leise Kribbeln der Möglichkeit eines weiteren Briefes und ihr Tempo steigerte sich fast unbewusst. Als sie an der Mauer ankam, huschte ihr Blick direkt zu der Stelle, wo sie den letzten Brief gefunden hatte, aber dort war nichts zu finden. Ihr fiel auf, dass der Brief in einem Spalt gesteckt hatte, der zwischen den beiden Schenkeln eines M lag. Sie lachte leise. „Oh“, dachte sie schmunzelnd, „ein Spiel?“ Sie suchte ein a und tatsächlich in der Punze des Buchstaben steckte er, ein kleiner Umschlag aus demselben dicken Papier wie beim letzten Mal, doch dieses Mal war nur ein kleines M darauf geschrieben.

Sofort schoss ihr das Blut in die Wangen und sie merkte, wie ihr warm wurde. Sie begann zu schwitzen und weiche Wellen Aufregung und Vorfreude fluteten sie, gleichzeitig kam sofort dieses stechende Schuldgefühl und die Angst dass sie jemand gesehen haben könnte. Ein Freund oder ein Bekannter von Leo vielleicht? Sie begann sich rasch umzuschauen und lief den Brief in der Hand fest umklammert, los zu ihrer Arbeit. Ihr Kopf raste, sie deklinierte alle Optionen, durch die ihr einfielen unter denen jemand sie gesehen haben könnte und auch welche Menschen, die sie kannte oder die Leo kennen könnte sich an diesem Ort zu dieser Zeit bewegen könnten. Sie schwitzte, die Aufregung und die Angst begannen einen immer wilderen Tanz miteinander einzugehen und wirbelten die Gedanken und Gefühle in ihr durcheinander wie Herbstlaub im Wind. Sie wollte den Brief sofort öffnen merkte jedoch, dass sie schon wieder länger gebraucht hatte als gedacht für ihren Weg und sich beeilen musste, um den Laden rechtzeitig zu eröffnen.

Sobald Natalia kam, zog sie sich auf die Toilette zurück, um ihr kleines Geschenk zu öffnen. Schnell fast schon fahrig öffnete sie den Umschlag.

„bezaubernd ermattet von fensterstreben beschattet (dein Schweiß benässtes Gesicht befächernd) saßt du in der brütenden Hitze dieser Straßenbahn du strahltest in der flirrenden Luft wie ein Bild im Wahn kaum zu erahnen durch diese schimmernden Schleier

ich sah nur vage dieses Feuer das da in dir brannte bis ich träumend versunken erkannte du warst die Quelle dieser Glut der Grund dieser sengenden Brut aus dir drang diese Hitze du fülltest jeden spalt und jede ritze

deine aus dir strahlende Kraft die um dich eine Aura schafft die dich fast unnahbar macht

doch ich möchte in deiner Hitze baden mich an deinem Feuer, deinem Glühen laben so versengen und verbrennen bis wir uns als das erkennen was wir in unserer Liebe sind

jeder seiner Triebe Kind

voll Leidenschaft und Zärtlichkeit voll leid und kraft und Ehrlichkeit“

Sie keuchte leise. Sie stand auf und schaute in den kleinen Badezimmerspiegel der Personaltoilette und sah ihr im Neonlicht etwas fahl wirkende Haut. Die Augenringe, die kleinen Falten um ihre Mundwinkel und Augen, die sich anbahnenden Schlupflider und ihre Haare, die aus dem Zopf quollen und die wie rebellisches Gras in alle Richtungen zu fliehen schienen. Sie erkannte auch Trauer und Schmerz in ihren Augen. Sie suchte das Feuer und die Hitze, die in diesen Zeilen lebten und die sie so lang nicht mehr gespürt hatte - war sie das, war sie die Frau in diesen Zeilen? Wer konnte sie so gesehen haben, wer hatte solche Worte für jemanden den er (oder sie) kaum kannte? Oder kannte er sie? Ihr wurde schwindelig.

Langsam ging sie zur Tür. Sie brauchte einen weiteren Moment um sich klar zu werden, wo sie war und was sie jetzt tun musste - sie musste funktionieren, arbeiten, mit den Kunden interagieren und funktionieren. Sie straffte sich und schloss die Tür auf. Mit großer Mühe gelang es ihr sich ihre Verwirrung und ihr aufgewühltes Herz nicht anmerken zu lassen. Sie flüchtete sich in die Routinen, in den Small Talk mit den Gästen und die tausendfach erprobten Handgriffe an der Siebträgermaschine, in das Putzen der Vitrinen, das Rücken der Stühle und das Wischen der Tische, sie suchte die konstant zimmergleichen Fragen und Antworten der Gäste und floh so in ihre Rolle als Kellnerin dieses kleinen Cafés mitten im Moloch dieses postkapitalistischen Alptraums aus Stein und Beton.

Natalia warf ihr ab und an Blicke zu in denen die Frage kaum zu übersehen war, doch sie weigerte sich dies zu erkennen und ignorierte sie diesbezüglich. Sie musste sich erstmal sammeln. Sie ließ Natalia früher Feierabend machen und schloss den Laden allein.

Die Worte hatten etwas in ihr angerührt, dass sie mehr bewegt, hatte als sie geahnt hatte. Dieses Gefühl der Bewunderung, diese Mischung aus begehren und staunen, aus Leidenschaft und Vorsicht, zehrendem Feuer und zärtlichem Spiel des Windes, dieses forschende und strahlend leuchtende was diesen Sätzen innewohnte, das war das Gefühl was ihrer Liebe zu Leo damals den Weg geöffnet hatte. So hatte es sich angefühlt, seine Blicke, seine Finger auf ihrer Haut, in ihrem Haar, seine Küsse auf ihrem Rücken - all das, die Erinnerung und die Präsenz dieser Liebe wogte wie eine Welle über sie, sodass ihr die Tränen in die Augen schossen. Die Sehnsucht und das Vermissen wurden ihr so deutlich bewusst, dass sie im fast dunklen Café am Tresen stand und weinte.

Sie weinte um das Feuer ihrer Liebe, um ihr eigenes Begehren, um ihren Körper, dem sie all die Liebe vorenthielt, aus Angst nicht zu genügen, aus Angst vor Zurückweisung und Scham. Sie weinte aus Müdigkeit und Erschöpfung und der Ungerechtigkeit dieses Leben, leben zu müssen, tagaus tagein zu funktionieren und auch für die Liebe noch kämpfen zu müssen.

Und dann aus dem Nichts, kam jemand und erdreistete sich ihr zu sagen, wer sie war, da sie schön war. Sie wusste sie war schön, irgendwo. Aber sie fürchtete sich auch schön zu sein,

sie fürchtete sich vor den Blicken der weißen Frauen, der Missgunst, den teils fast hasserfüllten Kommentaren, der Erniedrigung wegen ihres Akzents, ihrer Haut und Haarfarbe - all das brach aus ihr heraus und bahnte sich den Weg aus ihrem erschöpften Herzen an die Luft des kühlen Abendhimmels.

Sie stand in diesem leeren Café, das die letzten Jahre ein Zentrum ihrer Welt geworden war, dass es ihr ermöglicht hatte im Bauch der Bestie zu überleben und sie an einem Ort funktionieren ließ, in dem sie zumindest ein paar Barrieren ihrer Kultur errichten konnte. Die Stühle standen umgedreht auf den Tischen, der Boden glänzte dumpf und gleichzeitig tief und weit, abgetragen von den zahllosen Füßen, die ihm über die Jahre diesen ganz verliehen hatten. Leise hörte sie die Klänge der Straße durch die geschlossenen Fenster und Türen und sie spürte die zahllosen Seelen, die hier gastiert hatten als stille Gäste immer noch anwesend. Wie der Duft des gemahlenen Kaffees aus Nicaragua, lag die Präsenz der alten Gäste wie sie gern nannte in der Luft als ein energetisches Aroma. Sie spürte manchmal den Blick eines der Alten oder hörte in der Stille Gesprächsfetzen oder das Lachen aus längst vergangener Zeit. Oft wenn sie allein war, redete sie mit ihnen und spürte wie diese ihrerseits ihren Gesten und ihre Arbeit kommentierten, manchmal hatte sie gar das Gefühl sie würden, wenn ihr ein Missgeschick passierte Witze über sie machen. Sie hatte sich auch oft gefragt, was dieser Ort wohl noch alles für Geschichten erzählte, die sie noch nicht hören konnte, vielleicht einfach, weil sie sich nie genug Zeit nehmen, konnte ihm gut genug zuzuhören.

Doch jetzt brauchte sie dass der Ort ihr zuhörte, dass er sie schützte und dass die Geister ihr halfen sich zu ordnen und zu finden. „Ayudenme“ bat sie leise, „por favor“. Sich ihre Tränen von den Wangen wischend setzte sie sich an den Tresen und faltete die Hände zum Gebet.

„Madre mia, Tierra Santa querida, padre en el cielo, bitte meine Brüder und Schwestern im Feuer, im Wind und im Wasser, helft mir und führt mich.“ Innerlich machte sie den heiligen Dreischritt den ihr Vater mit ihr als Kind ständig gebetet hatte. Der Beginn des Gesprächs mit den Göttern hatte er es genannt, war der Akt des Dankes, dann folgte der Mut zur Demut in der Frage und der Bitte und als Zeugnis der eigenen Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit schließlich das Angebot des eigenen Opfers. Sie machte dies in solchen Momenten, um sich zu ordnen und Klarheit zu finden.

Ihr Herz wurde schwer, die Dunkelheit kam und zog an ihr, all die Zweifel und die Wunden die das Leben der letzten Jahre in sie geschlagen hatten pulsierten wie offene Wunden. Wie rohes Fleisch lag ihr Herz ausgebreitet da und jeder Lufthauch, jede Regung des Windes des Lebens sehen mit kalten schmutzigen nageln darüber zu fahren. Die Tränen kamen wieder und sie sackte auf dem Tresen zusammen und schluchzte. Doch nach einigen Minuten, brach sich leise wie ein Knistern, ein stilles Rauschen ein Funke in die Dunkelheit. Wie ein unhörbares Glimmen spürte sie sie, die Präsenz. Sie war nicht allein, sie wusste nicht was oder wer dort gekommen war, aber die Wärme und Geborgenheit, die in ihr wuchs gab, ihr die kraft ihrer Augen geschlossen zu halten und in sich zu gehen. Sie verband sich mit dieser Präsenz und dankte ihr aus tiefstem Herzen.

Sie kannte diese Botschaft, in den Momenten als ihr Vater schwerkrank in Cartagena zu Hause gelegen hatte und sie vor Verzweiflung oft fast wahnsinnig geworden war, hatte sie auch gebetet wie jetzt. Auch dann gab es Momente, in denen diese Präsenz ihr kraft gegeben hatte und sich wie eine goldene Melasse in ihrer Seele ausbreitet hatte, sie strömte als honigwarme kraft aus ihrem Herzen durch ihren ganzen Körper und erfüllte sie mit der Weite des Windes und der Kraft der Erde - vertraue - war die geflüsterte Botschaft - du bist nicht allein. Einzig die zerstörerische Macht des Feuers und die tiefe schier endlose Präsenz des Wassers ängstigten sie, doch sie wusste sie war in diesem Moment getragen. Plötzlich stockte sie - dieser Duft. Sie drehte sich um und durchsuchte den Raum mit fliegenden Blicken. Sie roch ihn und spürte ihn so nah, fast als wäre er in ihr. Wie eine wohlige Gänsehaut strich er in Windeseile über ihren ganzen Körper und erfüllte sie mit seiner Nähe. Dieser Duft nach Erde und Zimt, nach Kokos, Moschus und verbranntem Karamell war unverkennbar. Sie lächelte. „Das ist es?“ fragte sie. Diese Nuancen aus Sex und Schweiß, aus Staub und Meer waren ihr so vertraut wie das Klopfen ihres eigenen Herzens - Leo wisperte sie.

Sie schloss den Laden und eilte nach Hause sie hatte eine solche Sehnsucht nach ihrem Mann dass sie es kaum ertragen konnte. Sie rannte voller Vorfreude die Treppen herauf, übersprang Treppenstufen, nahm zwei, ja drei Stufen auf einmal und schloss mit fahrigen Fingern die Tür auf. Im Kopf schon die Bilder im Herzen schon die Wärme seiner Umarmung. Doch es empfing sie nur Stille, statt dem warmen Klang von Congas und Piano empfing sie nur das gedämpfte Hallen der Sirenen draußen auf der Straße. Der Flur lag dunkel und leer vor ihr - Leo war nicht zu Hause - nur seine vom Training verschwitzten Klamotten lagen im Bad, sein Teller stand in der Spüle und es lagen noch Haare seiner letzten Rasur im Waschbecken.

Enttäuscht räumte sie auf und wärmte das Essen auf was er gekocht hatte. Sie lächelte über die kleinen Figuren, die er ihr auf eine Serviette gezeichnet hatte, die sie begrüßten und ihr guten Appetit wünschten. Traurig aber zugleich auch erleichtert und glücklich über das Erinnern und Gewissheit ihrer Liebe aß sie in Ruhe auf und legte sich schlafen.

Als sie erwachte, war sie wieder allein, Leo war wieder auf Frühschicht und hatte es allem Anschein nach eilig gehabt. Die Seite seines Bettes war wild durcheinander gewühlt und sein Schrank stand offen. Auch im Bad waren überall Spuren von Eile und hastig erledigter Morgenroutine, er hatte wohl verschlafen. Heute war kein Kussmund auf dem Spiegel, auch keine Männlein auf den Servietten, nur ein Sandwich lag eingepackt auf dem Tisch für sie als Frühstück fertig verpackt. Mit Avocado und Schinken und etwas zu viel Mayo für ihren Geschmack. Sie lächelte und ihr wurde warm vor Dankbarkeit, gleichzeitig begann ein leichtes Ziehen in ihrer Brust, wie eine Vorahnung.

Sie machte sich schnell fertig und ging aus dem Haus hastete die Treppen hinunter, wie fast jeden Morgen. Sie ging an der Bäckerei vorbei die komischerweise geschlossen hatte, etwas traurig lächelte sie in Gedanken an die ältere Dame, die ihr immer so freundlich den Morgen mit ihrem leicht runzligen Lächeln versüßte, sie hoffte sie war gesund und munter und hoffentlich nur verreist. Da erinnerte sie sich dass das jüdische Neujahr vor der Tür stand

und wahrscheinlich war die Dame einfach zu ihrer bulgarischen Familie gefahren und hatte den kleinen Laden so lange geschlossen. Sie passierte die Schule mit der langen Mauer voll Malereien und vergewisserte sich im Vorbeigehen keinen Brief zu sehen. Heute war sie pünktlich und öffnete mit der möglichen und nötigen Gelassenheit das Café und empfing Natalia mit einem herzlichen Lächeln einem Café Colao mit viel Milch und Zucker. „Eh mi Reina, was für ein Empfang, hast du ein schlechtes Gewissen? Was habe ich gemacht für diese Begrüßung?“ Wunderte sich ihre Freundin. Mané lachte „Nada mi Amor, alles gut, ich freu mich einfach dich zu sehen, ich hatte etwas Zeit und ich dachte du hast das verdient, oder nicht?“ Sie scherzten und begannen ihre Schicht mit ihren Lieblings Rancheras und guter Laune.

Im Laufe des Tages nahm sich Mané eine etwas längere Mittagspause, um Zeit zu haben ihrem Verehrer zu schreiben. Ihr Entschluss stand fest, die letzte Nacht hatte ihr klar gezeigt, wo sie stand, wo ihr Herz schlug und dass sie solche Spielchen andersherum auch als schmerzhaft empfinden würde. Also beschloss sie der Person ein Treffen vorzuschlagen, um klarzustellen, dass sie verheiratet war und ihren Mann liebte. Sie nahm einen der Umschläge und ein leeres Blatt Papier mit in das kleine Restaurant, wo sie manchmal zum Mittagessen einkehrte. Sie hatte schon fast aufgegessen und musste sich langsam beeilen da ihre Mittagspause schon bald zu Ende war, doch es stand noch kein Wort auf dem Blatt.

„Dale mija“ sagte sie sich “es ist doch ganz einfach.“ Am Ende entschloss sie sich es einfach zu machen und schrieb einfach nur „Wir müssen reden.“ So wie die Adresse eines Cafés in der Nähe und die Mittagszeit des nächsten Tages auf den Brief. Sie faltete das Blatt etwas ungeschickt zusammen und steckte es vorsichtig in den Umschlag. Sie strich ihren Namen durch und malte ein Fragezeichen darauf.

Sie aß ihr Essen auf und ging zurück in den Laden zu Natalia, um sie abzulösen damit diese in ihre Pause gehen konnte.

Während der Schicht dachte sie oft an das bevorstehende Treffen und ob es richtig war, sodass Natalia sie in einem ruhigen Moment ansprach ob alles ok sei mit ihr. Sie erzählte ihr von ihrem Entschluss und dem gestrigen Abend. Natalia schaute sie lange an und nahm sie in die Arme „Weißt du mi cielo, ich freue mich sehr das zu hören, was du sagst. Ich bin stolz auf dich, dass du weißt, wo du stehst und auch das du nach all der Zeit und den Dingen, die ihr zwei durch gemacht habt, auch all den lasten, die du auch mit ihm tragen musst und musstest, diese liebe spürst, mi Amor, das ist wundervoll. Aber, die, „lachte sie schelmisch und schaute sie neckend an “du bist schon neugierig, wer das ist, nicht wahr? Oder warum triffst du dich überhaupt?“ Mané schaute etwas verdutzt und bemerkte dass sie darüber gar nicht nachgedacht hatte, natürlich, sie könnte auch einfach in den Brief schreiben dass sie die Person nie wieder sehen wollte und das wars. „Hmmmm“ sagte sie “du hast recht, darüber habe ich gar nicht nachgedacht“ und kicherte leise „ja ich will schon sehen, wer es ist. Aber weißt du“ und sie schaute Natalia ernst an. „Aber ich will es ihm auch ins Gesicht sagen, ich will ihm sagen, wer mein Mann ist und dass ich ihn liebe, so schöne die Gedichte waren, mein Herz und meine treue gehören ihm, Leo und niemand sonst.“ Sie merkte es erst als sie es aussprach, aber ihr waren die Tränen gekommen und Natalia sah ihr mit roten Wangen

und großen Augen ins Gesicht. „Mi Amor, y por esto te quiero tanto. Genau darum liebe ich dich so sehr.“

„Ha!“ rief sie aus „Mira, schau was du mit uns gemacht hast, wie zwei alte tias chismosas, zwei Klatschtanten stehen wir hier verheult und die Gäste warten auf ihre Getränke.“ Und tatsächlich ein paar Kunden schienen zu warten, dass sie sie bemerkten, aber niemand machte Anstalten etwas zu sagen, ihrer beide Intimität hatte anscheinend beruhigend gewirkt und die Gäste hatten den Respekt behalten. Sie lachten und machten sich wieder an die Arbeit. In diesem Moment spürte sie Etwas wie eine Umarmung sie von hinten berühren, erst lächelte sie und dachte Natalia wäre kurz zu ihr gekommen, aber sie sah sie am anderen Ende des Lokals. Sie hielt kurz inne und hörte in sich und spürte eine Präsenz der Wärme und des Trosts. „Die Alten“ dachte sie und schauderte irgendwie irritiert, aber wohlig im Bewusstsein, dass sie wohl gerade von den Espíritos des Cafés zum einen belauscht worden war und andererseits sie wohl so viel Anteil zu nehmen schienen, dass sie sie in ihrem Entschluss bekräftigen und ihr Zuspruch und wohl eben eine energetische Umarmung gegeben hatten. Sie schmunzelte „soy una bruja, eine kleine energische verliebte Hexe“

Der Tag verging und sie merkte es erst als es dunkel wurde, dass sie den Laden eigentlich schon vor einer halben Stunde hatte zumachen wollen. Natalia war früher gegangen, um ihre Töchter von ihrem Folkloretanzkurs zu holen. Sie war so stolz jedes Mal, wenn sie davon erzählte, dass Mané ihr das nie abschlagen konnte. So machte sie die letzte Runde, brachte die Gäste charmant dazu zu gehen, räumte auf, putzte was zu putzen war und schloss den Laden. Sie setzte sich anschließend noch allein an den Tresen und machte sich Musik von Bill Evans an - Skating in Central Park. Diese fliegenden Pianolinien, die sich mit der warmen Gitarre von Jim Hall verwoben, waren magisch für sie. Ihr Vater hatte ihr Bill Evans vorgestellt, eigentlich mehr als Pianist von Miles, aber sie hatte sich in den Klang seiner musikalischen Seele verliebt und oft, wenn sie Ruhe suchte und allein war, hörte sie seine Musik. Sie hatte das Gefühl Raum zu brauchen, irgendwo schien in ihr zu arbeiten und plötzlich fiel ihr etwas ein was ihre Abuelita ihr vor Jahren auf der Veranda ihres Hauses nach einem großen Familiengrillfest, einem klassischen Casado, gesagt hatte.

„Gewisse Dinge verändern uns, sie markieren einen Punkt in uns, der wie ein Scheidepunkt wirkt. Allerdings ist dieser Scheidepunkt zeitlich nicht gebunden, er wirkt vielmehr im Stillen und es kann Jahre dauern bis seine Früchte die Reife tragen, dass sie fallen und ihrerseits die Wurzeln schlagen, die es braucht, neue Pflanzen wachsen zu lassen die die Stränge unsren Handelns lenken. Doch manchmal, manchmal wirkt dieses Ereignis so massiv, dass die Natur und das Leben Wunder vollbringen. Sie lässt diese pflanzen sprießen, dass es wie ein Platzen wirkt. Stränge wie Baumstämme stellen sich dem Leben wie es war in den weg. Sie bauen walle und graben Flussläufe um, verbinden Bahnen gewohnter Handlung mit neuer Erfahrung und schaffen so eine neue Welt, oder zumindest eine neue Sicht auf die Welt, die das Erleben der alten unmöglich macht, die ihr weiterleben nicht mehr erträglich macht, sodass das, was war enden muss. Oft glauben wir dass die dramatischen Ereignisse sind, der Anblick von Elend, von Tod und Leid, große Ungerechtigkeit und Schmerz und ja das ist in vielen Fällen die Grundlage und der Boden

für diese Ereignisse. Aber ich glaube das das Ereignis selbst, meist etwas Kleines ist, eine Geste, ein blick, ein Geschmack oder ein Duft, der im richtigen Moment alles in den passenden Kontext rückt, dass etwas geschieht, was wir selten bewusst erfahren - das begreifen, ein tieferes Verständnis von Zusammenhängen - ein Wissen um Wahrheit. Und das ist es am Ende was uns verändert -das Wissen um Wahrheiten - wenn wir einmal wahrhaft wissen können wir es nicht vergessen, es verändert die Perspektive auf eine Art, die das schönste Leben bitter macht oder dem tristesten Alltag wärme gibt - die Wahrheit mein Kind, die Wahrheit ist die Mutter der Bewegung, denk daran, wenn du sprichst und vor allem wenn du pflanzt, mijita.“

„Die Wahrheit“ dachte sie „ich räume das auf und dann sage ich ihm die Wahrheit, die ganze Wahrheit, von den Briefen, aber nicht mehr von meine liebe zu ihm, meiner Angst und meinem wünsch nach mehr. Das wir zwei mehr werden und uns wieder mehr sehen und lieben, als es gerade der Fall ist.“ Aber was war, wenn der Moment, dieses kleine etwas, das die Veränderung bewirkte, wenn es der Umstand war dass sie nicht ehrlich gewesen war?

Was war, wenn diese Wahrheit seine Liebe veränderte? Nein sie wollte es ihm sagen, sobald sie nach Hause kam. Sie machte sich auf, schloss den Laden und ging nach Hause. Als sie an der Schule und der Mauer vorbeikam, steckte sie den Zettel an den Ort, wo sie den ersten Brief gefunden hatte.

Schon von der Straße konnte sie erkennen dass in der Wohnung kein Licht brannte, sie wurde unruhig und wunderte sich warum Leo schon wieder nicht zu Hause war. Als sie die Tür öffnete, sah sie sofort auf dem Schlüsselboard einen Zettel liegen „Nacho esta mal. Ihm gehts nicht gut, Eva hat ihn betrogen“ dazu ein trauriger Smiley. Sie seufzte, war das ein schlechtes Omen? Sie war andererseits auch dankbar dass Leo sich kümmerte, Nacho war ein toller Mann, sehr ehrlich, fleißig und wie ein großer Bär, Das Eva seine Frau ihn betrogen haben sollte war ihr schwer vorstellbar, aber das Leben und vor allem die Lieben speilte in den Herzen und zu oft auch in den Köpfen der Menschen statt und da konnte man nicht reinschauen, also was wusste sie schon. Und was sollte sie überhaupt sagen, sie hatte gut reden mit ihrem Verehrer.

Wieder seufzte sie als sie sich an ihren Vorsatz erinnerte Leo alles zu erzählen was geschehen war in den letzten Tagen, das musste dann wohl warten und doch erst nach dem Treffen passieren. Vielleicht war es besser, wer wusste das schon? So legte sie sich schließlich in ihr Bett und kämpfte lange, insgeheim auf Leos Heimkehr hoffend, damit in den Schlaf zu fallen. Am nächsten Morgen war Leo immer noch nicht zurück, er musste wohl bei Nacho geblieben sein.

Also machte sie sich auf zur Arbeit und entdeckte im Vorbeigehen an der Mauer der Schule einen kleinen gefalteten Zettel ohne Umschlag auf dem nur ein „Ok.“ Stand. Sie war aufgeregt und gleichzeitig fest entschlossen. Als sie ankam, war Natalia schon da, sie erzählte ihr direkt von dem Zettel und auch dass Leo nicht nach Hause gekommen war und warum. Natalia sah betroffen aus, sie kannte die beiden und war traurig, fragte sich aber wie Mané was da wohl dran war und wie die Geschichte von Evas Seite klang? Die beiden machten sich an die Arbeit, es war Freitag und viel zu tun, viele Touristen waren im Viertel

unterwegs und es herrschte wohl wegen eines Fests auf der anderen Seite der Stadt, im Stadtzentrum und den „besseren“ Vierteln, viel Betrieb. Das spürte man natürlich auch hier, da gerade die jungen und oft auch alternativen Touristen sich eher günstige und hippere „multikulturelle“ Viertel, also die Arbeiter- und migrantischen Viertel aussuchten als Ausgangspunkt für ihren Aufenthalt. Sie begann sich etwas Sorgen zu machen, dass sie es zeitlich schaffen würde, rechtzeitig Mittagspause zu machen, um pünktlich zu ihrem Treffen zu kommen. Natalia bemerkte ihre Unruhe und nahm sie kurz in den Arm, sie flüsterte ihr ins Ohr “Relajate negra, ich kümmere mich schon um den Laden, geh nur.“

Überrascht schaute sie auf die Uhr - es war zehn vor zwölf. Sie erschrak, schnell zog sie die Schürze aus und schnappte sich ihre Jacke. Natalia lächelte ihr liebevoll zu und küsste sie auf die Stirn. Wortlos huschte sie aus dem Laden. Als sie die drei Blocks zu dem Café ging, in dem sie die Verabredung angesetzt hatte, bemerkte sie dass es genau der Laden war, in dem sie ihre ersten Dates mit Leo gehabt hatte. Anstatt sich schlecht zu fühlen, merkte sie dass sie dieser Umstand Kraft gab. Es stärkte sie in ihrem Entschluss und in ihrem Wissen, wo sie stand.

Als sie ankam, war es zwei Minuten vor zwölf, unruhig schaute sie sich um aber bis auf zwei Tische war komischerweise relativ leer und das, obwohl es gerade drei Blocks weiter bei ihr in ihrem Lokal gerade so umtriebig war. An einem Tisch saßen ein paar Männer und an den anderen zwei jungen Mädchen die scheinbar heute keine Schule hatten. Vielleicht waren sie auch gar nicht von hier, sie hatte sie noch nie gesehen. Sie setzte sich und recht schnell kam die Bedienung, eine ältere Morena die sie kannte, sie begrüßten sich flüchtig und Mané bestellte ein Wasser. Sie merkte, wie ihre Aufregung wuchs, es war schon zehn nach zwölf, langsam wurde es unhöflich oder es war etwas geschehen. Sie lächelte, sie machte sich Sorgen um jemand den sie gar nicht kannte.

Auf einmal kam die Bedienung an ihren Tisch und legte einen kleinen Briefumschlag vor ihr auf den Tisch. „Den soll ich dir geben“ sagte sie und ging direkt zurück zur Bar. Mané schaute verdutzt auf den Brief und drehte sich um, außer den beiden anderen Tischen war noch niemand in das Lokal gekommen. Sie nahm den Umschlag und öffnete ihn langsam.

„Du sitzt am falschen Tisch“ stand auf dem Zettel. Mané stockte. Plötzlich fiel ihr auf dass schräg hinter der Bar ein kleiner Tisch in der Ecke stand, der halb verdeckt durch den Tresen etwas abseits des Geschehens des Cafés lag. Mit dem Rücken zu ihr saß jemand an dem Tisch. Mané stand auf und ging auf den Tisch, als sie zwei Schritte gegangen war, blieb sie wie angewurzelt stehen. Der Mann stand auf und drehte sich langsam um, seine braunen dunklen Augen sahen sie durch seine schwarzen Locken an. Mané war wie elektrisiert, ihr Mund war trocken und sie begann zu schwitzen. Fast eine Minute schien verstrichen, seit sie sich gegenüberstanden, da legte er den Kopf schief, so wie er es so oft schon getan hatte und sagte in seinem weichen warmen Akzent „Hola Negra“.

g.r.Skizze