Skizze
Nayla
Nayla sprang auf die Straße und lief wie im Traum mitten auf der Fahrbahn. Einige Autos, die an ihr vorbei fuhren hupten, einer der Fahrer hatte kurz gehalten das Fenster runter gelassen und schrie sie an, ob sie „völlig irre“ sei. „Du blöde Nutte, verpiss dich auf den Gehweg du Hure“ schrie er. Ihr war es egal. Sie musste an die Geschichten vom jungen Osho denken, wie er ohne Angst in einen reißenden Fluss gesprungen war. Er habe die Luft angehalten und sich ganz weich gemacht hieß es. Um dann von den wirbelnden Wasserstrudeln in die Tiefe gezogen zu werden. Wenn er dann am Grund angekommen war so soll er all seine Kraft gesammelt haben und sich abgestoßen haben um wie ein Pfeil an die Wasseroberfläche zu schießen. Sinnbildlich sah sie die Metapher, die wilden wankenden wirren Mahlströme des Lebens, die uns immer wieder unter ihren druckvollen Massen begruben und herunterzogen. Keinen Widerstand leisten dachte sie, sei weich wie Wasser. - fließe und wenn du den Boden, den Tiefpunkt lt. erreicht hast, erkenne dich selbst sei dein wahres ich, sammle deine Kraft und erwecke dich und erschaffe dich neu.
Soviel so gut. Den Mut in den Rhein zu springen hatte sie nicht und irgendwie fühlte sie sich als City Kid auch mehr auf der Straße in ihrem Element. Ihr Fluss war die Straße ihr Strom waren die Autos und ihre Strudel wohl die LKWs. Die waren mindestens genauso tödlich wie der Rhein machten ihr aber irgendwie weniger Angst. So drehte sie sich auf der Mittelspur ein letztes Mal um ihre eigene Achse und tanzte zwischen den fahrenden Autos zum Straßenrand. Sie hörte schon ob der Ferne die Sirenen der Polizei, die wohl wegen ihr auf dem Weg waren. So sah sie zu dass sie wegkam, um nicht die Nacht in der Wache zu verbringen. Wie sollte sie denn den Bullen ihr Gleichnis mit Osho erklären?
Sie rannte durch den langsam einsetzenden Regen in den Schutz einer Toreinfahrt und versteckte sich kurz in den Schatten. Wie eine kleine schwarze Katze schmiegte sie sich in die Abwesenheit des Lichtes und fühlte fast körperlich ihr Versinken in der Dunkelheit, ihr Eintauchen, wie als würde sie unter Wasser gleiten. Nach ein paar Minuten und dem in der Ferne verklingenden Polizeiauto, das mit vollem Martinshorn und Blaulicht vorbeigerast war, stahl sie sich ins Licht und spazierte durch den Nieselregen. Sie bewunderte wie sich die feinen Tropfen dieses Sprühregens in den Kegeln der Straßenlaternen wie Schwärme aus Diamanten wanden und gegenseitig vom Wind getragen in ihrem Fallen umschlangen.
Diesen Gedanken des kollektiven Versinkens nachhängend führte sie ihr Weg scheinbar unterbewusst vor die Tür von Hendrik. Sie lächelte als sie merkte wo sie war und schloss nach kurzem Zögern Frieden mit dem Gedanken Gras zu kaufen.
Also klingelte sie und stapfte die Treppen hoch in den dritten Stock zu Hendrik, ihrem Dealer. Sie fand dieses Wort zwar irgendwie absurd, aber eine andere Beziehung hatte sie zu ihm, wenn sie ehrlich war auch nicht, also warum nicht die Dinge benennen wie sie waren. Hendrik war ein Kind aus gutem Hause, der während seines Studiums erkannt hatte, dass er seine emotionalen und dadurch wohl auch seine sozialen Defizite sehr gut kompensieren konnte wenn er Drogen verkaufte. So gab es immer gleichgesinnte und er fand schnell „Freunde“ die ihn kaum hinterfragten und immer seine Nähe suchten. Mit der Zeit wurden die Drogen, die er verkaufte immer härter und der Grad der Heiligsprechung Hendriks durch seine „Freunde“ immer größer, abstruser und merkwürdiger von außen zu betrachten. Für Nayla war klar, dass Hendrik irgendwann hart auf dem Asphalt des Lebens klatschen würden und sich dabei vielleicht ein paar seiner weißen und von Papas golffreund-zahnarzt-kollegen gerichteten Zähnchen ausschlagen würde. Aber das Seil, auf dem er sein Dealerspiel spielte, hing nicht wirklich über einem Abgrund, zumindest hatte Nayla das Gefühl dass das Netz der elterlichen weißen Oberschichtsfürsorge noch recht straff unter ihm gespannt schien. Seinen 3er BMW Cabrio hatte er sich sicher nicht durchs Dealen verdient, und die Jungs, die hier saßen hatten auch keine Flügel oder eine Machete auf dem Hals. Das waren eher die klassischen Lost Souls die Nayla in den Clubs und Parties der Stadt so oft getroffen hatte. Mark der Protohippster mit seinem 90ties Look und den Supreme und Bad Ape Klamotten oder Bülent der als Maler, Skater und Fashionista so viele Klischees erfüllte, dass sie gar nicht mehr wusste was bei dem eigentlich los war. Sein Style aus Margela, Vintage Prada und Vans und Opas Altkleidern war zwar irgendwie sexy und sein nach außen getragenes Bild vom supercoolen artsy-streetstyle-Hero hatte sie am Anfang wirklich angezogen, aber nach ein paar Nächten mit ihm und seiner Gang, hatte ihn der selbstzerstörerische Nimbus den die Jungs als Skater- und künstler-coolness verkauften total abgestoßen. Mit Drogen und einer Art zu skaten die körperlichen Schmerz irgendwie als Kompensation wirken ließ, töteten sie all die Ängste und Gefühle, die in ihnen brannten wie Leuchttürme.
Und dann saß da Hermes. Als sie ihn erblickte krampfte im ersten Moment ihr Magen so massiv zusammen, dass sie kurz aufkeuchte und sich am Türrahmen festhalten musste. Er schien sie noch gar nicht bemerkt zu haben. Er saß da war so schön wie sie ihn im Herzen trug und stopfte sich einen Kopf. Er war völlig fokussiert auf den Misch Vorgang auf dem zur Unterlage gefalteten Flyer. Nachdem er den Tabak gut mit dem Piece vermischt hatte, knickte er die untere Kante weg und ließ nun langsam die Mische in das Chillum gleiten. Er drückte vorsichtig mit dem Zeigefinger nach und zog beinahe grazil einen seiner schönen schlanken Finger auf dem Kick loch platziert die Mische probeweise vor. Noch einmal tief Luft holend setzte er sich bequem und zog das Feuerzeug vom Tisch, um den Kopf zu rauchen. Er hob die Wasserpfeife und gleichzeitig blickte er wie in einer sich Absolution holenden Geste nochmal in die Runde. Dabei bemerkte er erst ihre Anwesenheit. Wie sie da in der Tür stand mit ihren dunklen Locken und ihren schwarzen Augen, die ihn anstarrten und wie Sonnen auf ihm brannten. Sie sah ihm direkt in die Augen. Die Bomberjacke halboffen und vom Regen benässt traf ihn auf einmal ihre Präsenz wie ein Sidekick in den Magen.
Eine tiefe Ruhe begann sie zu durchströmen und ihre Eingeweide wurden kalt und hart wie Eis. Es war als würde diese Kälte wie Nebel um sie schweben und ihr Blick wurde immer fester und klarer. Sie sah ihn wie in einem Brennglas, sah wie seine Pupillen sich weiteten als er erkannte wer sie war. Er wurde bleich und sein Mund öffnete sich langsam, er schien etwas sagen zu wollen aber nicht die Worte zu finden. Sie konnte das Chaos in seinem Kopf und die Zerrissenheit in seinem Herz fast bildlich sehen. „Nayla“ keuchte er leise. Sie schaute ihn lange schweigend an. Im Raum war es bis auf das Klicken und Rasseln der Therme in der Küche für einen Moment totenstill.
Der nächste Song der Playlist begann wie in einem Hollywoodfilm bevor der monotone Beat einsetzte mit einer langen getragenen Streichermelodie, das war fast schon zu viel Pathos dachte sie. Sie drehte sich zu Hendrik der in eben diesem Moment aufsprang, um die Situation für seine Jungs zu retten. Solcherlei Konflikte waren für sein Business hier absolut fehl am Platz. Echte Gefühle und Verantwortung waren Gift für das was er hier abzog. Er führte sie in den Flur und schaute sie prüfend an. „Was war‘n das da grade?“ fragte er. „Alles gut. Frag ihn selbst.“ Er blickte nachdenklich ins Zimmer. „Ich brauch ‘n Fuffi. Dann bin ich für die nächste Zeit erstmal cool.“ sagte sie. Er griff in die Tasche holte ein Tütchen Gras heraus und drückte es ihr in die Hand. „Behalt deine Scheine Süße, chill dich erstmal.“ Sie hob eine Augenbraue zog einen fünfzig Euroschein hervor und drückte ihn Hendrik in die Hand. „Lass ma, Hendrik. Danke aber ich komm klar. Und ...„ Sie sah ihm in die Augen und ihr Blick wurde hart und kühl. Sie merkte wie sich ihr Kiefer spannte und sie den Boden unter sich spürte wie eine Mauer aus Beton und Stahl. „Ich bin nicht deine Süße, ich bin Nayla.“
Mit diesen Worten ließ sie ihn, Hermes und all die coolen Hippster und Pseudo-Gangster in dieser Wohnung stehen und ging durch die Tür. Ihre Schritte hallten im Treppenhaus als sie immer schneller und schneller die Treppe herunter raste. Fast wie im Flug wirbelten ihre Füße die Stufen herunter, sodass sie sich mit der einen Hand an der Wand mit der anderen über das Geländer gleitend abstützte, um nicht zu fallen. Unten angekommen trat sie in den Regen, schaute nach oben und atmete tief durch.
Sie fühlte sich wie in einem Tornado und dem sie für kurze Zeit das Auge des Sturms gewesen war. Doch nun packten sie die Kräfte der Erinnerung und all der Schmerz und all die Erniedrigung trafen sie mit der Wucht eines heranrasenden Kleinwagens. Sie taumelte, ihre Knie wurden weich und sie setzte sich auf den nassen Asphalt. Sie musste würgen und kotzte Hendrik ihr spärliches Essen des Tages vor die Haustür. Sie erbrach die ganze Reispfanne vom Vormittag direkt in den Hauseingang. „Zwei Minuten, bebe, zwei Minuten ... atmen, Amor du musst atmen.“ sie hörte innerlich die beruhigende Stimme ihres Vaters und fühlte sich schlagartig mit jedem Atemzug immer geerdeter.
Leise lächelnd erinnerte sie sich an seine Lektionen abends als er sie zu Bett gebracht hatte. Als er in seiner liebevollen warmen Predigerstimme immer wieder versucht hatte ihr zu erklären dass ihr Atem ihr Anker sei. „Atme tief in den Bauch meine Sonne. Sammle all dein Licht in deinem Bauch und lass die Schatten aus dir fließen mein Schatz.“ sie hatte damals mitgemacht aber nie wirklich verstanden was er wollte. Dennoch war es immer so schön gewesen, wenn er danach neben ihr gelegen hatte und sein ruhiger Atem ihn wie einen Berg aus Fleisch und Frieden wirken ließ. „Du bist mein Anker Papi“ hatte sie einmal gesagt. Da hatte er so schön gelächelt, dass es ihr bis heute das Herz erwärmte, da sie in diesem Moment so klar erkannt wie nie zuvor wie sehr dieser Mann sie liebte. Doch die Worte, die er dann sprach, hatten sie damals sehr verwirrt. „Si bebe, das bin ich jetzt, aber es kommen Tage und dann erinnere dich daran, da ist dein einziger Anker dein Atem und das Wissen um dein wahres Selbst.“ Er hatte gelächelt, sie auf die Stirn geküsst und sie waren kuschelnd eingeschlafen. Er war meistens mit eingeschlafen, wenn er sie ins Bett gebracht hatte, sie hatte es geliebt. Auch wenn er danach irgendwann gegangen war, hatte ihr Kopfkissen, wenn sie kurz wach wurde immer noch nach ihm gerochen.
Und jetzt, vollgekotzt auf allen vieren im Regen vor der Tür ihres Dealers, wurde ihr langsam klar was er meinte. Sie atmete einige Male tief in den flauen Bauch, in dem ein Wildbach sich seinen Weg durch ihre Därme pflügte und begann sich langsam aufzurappeln.
Ihre Schritte wurden von Meter zu Meter sicherer und anfangs kaum merklich aber dann immer mehr und mehr begann sich ein Gefühl der Ruhe und Würde in ihr auszubreiten. „Ich bin nicht weggelaufen. Er hatte Angst!“ das wurde ihr klar. Ihr wurde auch immer klarer wer diese Situation gerade souverän durchschritten war - sie selbst! Mit kleinen Atempausen und ruhigen gleichmäßigen Schritten ging sie nach Hause.
Sie war damals von ihren Eltern gekommen, hatte mit ihrer Mutter deren Urlaubsfotos bewundert und sich die Pläne ihres Vaters angehört nach Spanien auszuwandern. Mit gemischten Gefühlen war sie nach Hause gefahren. Einerseits hatte sie sich gefreut, dass ihre Eltern endlich mal den Plan fassten ihren Lebensabend aktiv zu gestalten und sich einen Ort zu suchen an dem die Menschen ihre Sprache sprachen. Auch wenn es das harte gutturale koloniale Spanisch war und nicht der schöne warme Ton der kolumbianischen Küste, so machte er es ihrem Vater und ihrer Mutter das Leben doch einfacher. Auch die Mentalität der Südspanier war sicher näher an deren Lebensrealität als der Kölner Norden.
Mit diesem Wirrwarr an Emotionen war sie nach Hause gekommen und hatte sich gefreut in ihrer kleinen WG den Sonntag ausklingen zu lassen bei einer Flasche Weißwein und einem Spliff gemütlich auf dem Balkon. Es war Sommer gewesen, Ende Juli. Sie hatte immer noch den Geruch des Abends in der Nase als sie am Rand des Balkons gesessen hatte und ihr Weinglas in der Hand in den rosafliederfarbenen Abendhimmel geschaut hatte. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Jahre mit Hermes zusammen gewesen. Sie hatten sich auf Parties einiger ihrer Mitschüler kennen gelernt. Es hatte aus einer wilden Nacht im Gartenhaus eines von Hermes Klassenkameraden bis zu ihrer wirklichen Beziehung wie sie dann irgendwann nannten ein paar Wochen mit zahllosen spontanen Treffen an den unmöglichsten Orten gedauert. Seine Überfälle auf sie, wenn sie bei ihrem Lieblingsbäcker Handbrötchen holte hatten schließlich ihr Herz erobert. Er war irgendwann einfach hinter der Ecke vor der Bäckerei hervorgetreten mit genau der Mischung am Brötchen, die sie immer kaufte. Sie hatte ihn angeschaut und gefragt woher er das wisse, daraufhin hatte er lächelnd gesagt „Ich habe gefragt was das schönste Mädchen des Viertels immer für Brötchen kauft?“ das war zwar unglaublich cheesy aber als Geste so süß, dass sie schlagartig rot geworden war und seitdem nicht mehr von ihm lassen konnte. Seit diesem Tag, dem 18. Juli waren sie ein Paar. Das Frühstück hatten sie dann in ihrem Bett am späten Nachmittag gegessen, nach viel Sex und mehreren gemeinsamen genussvollen Duschen. Die Schule war an diesem Tag spätestens seit der Entscheidung die Brötchen mit nach Hause zu nehmen vorbei, also warum sich nicht ganz der Erkundung des Körpers des anderen hingeben, diesem lustvollen Forschen und Suchen nach Nähe, Genuss und Geborgenheit.
Sie hörte ihn schon wie er das Treppenhaus hinaufkam, mit seinem etwas unregelmäßigen federnden Schritten. Sie trank langsam Schluck für Schluck leicht schlürfend den kalten Sancerre und wartete in stiller Vorfreude auf seine braune Mähne und seine blauen Augen die sicher gleich durch die Küchentür schauen würden. Doch er kam nicht durch die Küchentür. Sie hörte wie er hereinkam in die Wohnung und auch die Geräusche der zufallenden Wohnungstür, des Schlüssels wie er auf die Ablage neben der Tür auf die kleine Metallschale fiel, auf der sie ihre Schlüssel und all das Kleingeld sammelten. Sie hörte das Verstummen seiner Schritte als er anscheinend seine Schuhe ausgezogen hatte um wie sie immer taten barfuß oder auf Socken durch die Wohnung zu laufen. Und dann, dann hörte sie Laura.
Laura ihre beste Freundin und Mitbewohnerin, mit der sie seit der vierten Klasse, als Laura aus Gran Canaria nach Köln gekommen war so vieles geteilt hatte. Das Fremdsein in dieser deutschen Welt der Regeln, das Frauwerden in dieser Stadt der tausend Möglichkeiten, das Abi und so viele zahllose Momente, Reisen, Partys, Konzerte. Sie hatten so viele Abende im gleichen Bett, Arm in Arm voll Liebeskummer oder Freudentaumel verbracht. Sie hatten sich eines Abends als sie ziemlich angetrunken waren sogar mal geküsst, aber schnell gemerkt, dass es nicht diese körperliche Ebene war die sie verband.
Sie hörte Laura verschmitzt lachen und musste einen Moment schmunzeln. Sich fragend was die beiden wohl ausheckten dachte sie daran kurz rein zu gehen, um nachzuschauen, überlegte es sich aber anders. Sie würden ja eh gleich rauskommen. Sie wartete und betrachtete nachdenklich den sich immer weiter verdunkelnden Himmel und trank langsam ihr Glas aus, doch es kam niemand zu ihr.
Plötzlich sah sie wie Laura nackt und nur in Hermes blauweiß-kariertes Hemd gekleidet in die Küche kam. Sie erinnerte sich daran mit einem gestochen scharfen Bild. Sie war aus dem Flur gekommen mit hochgekrempelten Ärmeln und diesem kleinen roten Anstecker am Kragen, den er in letzter Zeit immer trug. Ihre Haare waren zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt und eine Strähne ihres dunkelblonden Haars hatte ihr ins Gesicht gehangen. Sie hatte im Hereinkommen das Licht über der Spüle angemacht und Nayla hatte durch das nur halb zugeknöpfte Hemd Lauras frisch rasierten Schritt sehen können. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Lippen voll und dunkelrot. Ihre Haut war immer noch leicht verschwitzt und sie hatte bis auf den Balkon den Geruch ihres erhitzten Körpers riechen können.
Nayla wurde eiskalt, ihr ganzer Körper begann zu kribbeln, als würden Milliarden Termiten durch alle Körperöffnungen kriechen. Gleichzeitig brannte ein Feuer aus Napalm und kochendem Schwefel in ihren Lungen. Ihr Mund war trocken als hätte sie eimerweise Staub und Asche verschlungen. Sie keuchte leise auf als Hermes nackt und verschwitzt hinter Laura trat und ihr in einer nonchalanten Geste zwischen die Beine griff. Zwei Finger in sie gepresst, verharrte er einen Moment und drückte dann mit der anderen Hand an ihrem unteren Rücken ihr Becken gegen die Arbeitsplatte und begann sie hart zu fingern. Laura stöhnte auf und wand sich unter seinem Griff voll Lust und Verlangen.
Wie eine Lawine brach über Nayla ein was sie da gerade sah. Ihr Atem war komplett abgeschnürt. Sie bekam kaum noch Luft und Tränen schossen wie dornen aus ihren Augen. Sie hatte das Gefühl siedend heißes Blut zu weinen. Unfähig sich zu bewegen, verharrte sie verkrampft und atemlos gezwungen sich diese Vergewaltigung ihrer sozialen Bezüge in erster Reihe anzuschauen. Jedes Stöhnen und jedes neue Eindringen von Hermes Fingern in Lauras Pussy schnitt wie Axthiebe in ihr Herz. Schließlich begann sie anfangs leicht dann immer stärker zu zittern, sodass ihr Weinglas ihr wie in Zeitlupe aus den Fingern glitt. Komischerweise konnte sie sich in ihrer Erinnerung an den Flug dieses Glases genau erinnern. Wie es aus ihren Fingern rutschte, und sich einmal um die eigene Achse drehend in einer Rotation fast eine Spiraldrehung vollziehend dem Boden entgegenstreckte um mit einem lauten klirren auf dem Balkon Boden zu zerschellen.
Ruckartig schoss Hermes Kopf herum und er erstarrte. Sein Gesicht wurde weiß wie Kalk und seine bis vor Sekunden noch steinharte Erektion fiel schlaff in sich zusammen. Laura hatte in ihrer Ekstase gar nicht mitbekommen was geschehen war und rief nur leise „Hör nicht auf. Komm, steck ihn rein, fick mich nochmal, ich will dich in mir spüren“
Hermes japste nach Luft wie ein Fisch an Land, drehte sich um und rannte in Lauras Zimmer. Seine Klamotten an sich gerafft riss er die Wohnungstür auf und verschwand nackt im Treppenhaus. Laut klatschend hörte sie seine nackten Füße die Treppe runterlaufen. Da begriff Laura was geschehen war. Sie rührte sich nicht. Nayla sah wie sie zu zittern begann und hörte wie Laura immer stärker schluchzte und sich schließlich unter bebendem zucken weinend auf dem Küchen Boden auf alle viere niederließ. Völlig in sich zusammengesunken kauerte sie vor dem Kühlschrank, unfähig sich zu bewegen.
Nayla war speiübel. Sie schüttelte sich, setzte sich auf und stand auf. Wie in einer kalten schwerelosen Trance schritt sie an der halbnackten Laura vorbei, die wimmernd unverständliche Worte vor sich hin brabbelte. Sie hörte immer wieder „Nayla, bitte Nayla“ heraus doch das erreichte sie nur am Rande. Sie zog ihre Schuhe an, griff ihre Jacke, ihren Schlüssel und ihr Portemonnaie und ging aus der Wohnung. Sie verließ das Haus und ging, ohne zu wissen wohin auf die Straße. Sie lief und lief, völlig taub, ohne Gefühle und apathisch lief sie durch die Straßen unfähig auch nur einen einzigen Gedanken zuzulassen. Auf einmal klingelte ihr Handy – ihre Mutter rief an. Sie beantwortete den Anruf, ohne ein Wort zu sagen. Ihre Mutter prasselte fröhlich drauf los „mi cielo du hast deine Ladedings vergessen vida. Tu papi y yo kommen morgen zu dir in die Gegend, ich bringe es dir ok?“ Nayla starrte immer noch fassungslos geradeaus, als plötzlich wie als hätte die Stimme ihrer Mutter einen Riss in diesen Damm aus Verweigerung und Schutzstarre getrieben ihr Herz aufbrach. Der Schmerz kam mit so einer massiven Wucht, dass sie in die Knie sackte und nur noch keuchend „Mami“ in ihr Handy wimmern konnte. „Mami …. Mami … Mami“ und dann begann sie zu weinen. Ein Strom heißer Tränen brach aus ihr heraus und sie schrie den Verrat und die Lüge so laut heraus wie sie konnte. Es war als wäre ihre Brust aufgerissen worden und als würde dampfendes blei durch ihre Adern getrieben während eiskalter Frost jeden Knochen ihres Körpers von innen zerbrach. Sie wurde völlig zerrissen. Aus ihrem Mund kam ein erst lautloses Quietschen was sich schließlich in einem aus tiefster Seele kommenden Geheule erbrach. Plötzlich musste sie kotzen. Ihr Handy krampfhaft festhaltend, hörte sie die panische Stimme ihrer Mutter am Telefon schreien „NAYLA …NAYLA … DIOS MIO … NAYLA .. DONDE ESTAS … NAYLA HABLAME POR FAVOR DIOS MIO … MIJITA, MI AMOR NAAYYLLAAA??!!!“ sie lag nun weinend und schluchzend, mit dem Kopf in ihrem Erbrochenen auf dem Fußweg, im Lichtkreis einer Straßenlaterne. Der sie umrahmte wie eine Corona. Später würde sie Witze machen „die kotzende Maria“ doch nun lag sie dort, immer noch zitternd und ihr Handy krampfhaft festhaltend, um ihre Mutter nicht zu verlieren und doch unfähig mit ihr zu sprechen.
Als neben ihr eine ruhige Stimme ertönte „Hey, alles gut? Brauchst du Hilfe?“ eine türkische ältere Dame kniete neben ihr und sah mit besorgtem Blick auf sie herunter. Sie sah den aktiven Anruf, griff ihr Handy und begann wohl mit ihrer Mutter zu sprechen. Fünfzehn Minuten später waren ihre Eltern da. Die ältere Dame, Frau Sevgi, hatte derweil mit ihrem Stoff Taschentuch, Naylas Haare weitestgehend vom Erbrochenen befreit und saß nun Naylas Kopf auf dem Schoß mit ihr auf dem Bürgersteig. Sie streichelte ihr leise vor sich hin summend sanft die Stirn, während Nayla ununterbrochen weinte und weinte und weinte. Ihre Mutter und ihr Vater kamen aus ihrem Auto gestürzt und fielen wie zwei schützende Raubvögel über Nayla her. Sie küssten und umarmten sie und ihr Vater trug sie auf seinen Armen auf den Rücksitz des Wagens. Nayla erinnerte sich nur dunkel daran wie ihre Mutter Frau Sevgi gedankt hatte, ein Glück hatte sie damals daran gedacht sich ihre Nummer zu holen.
Bei ihren Eltern angekommen war sie in einen unruhigen aber tiefen Schlaf gefallen. Sie wusste nachher nicht ob es nicht auch an den Tabletten gelegen haben mochte, die ihre Mutter ihr gegeben hatte. Es hatte drei Tage gedauert bis sie wieder essen konnte und es hatte eine Woche gedauert bis sie nur ein einziges Wort gesagt hatte. Ihre Eltern hatten jeden Tag an ihrem Bett gesessen, schweigend und die Augen voller Sorge und Verwirrung was ihr geschehen war. Sie hatte ihren Vater nebenan im Wohnzimmer schreien gehört als er dachte sie würde schlafen, aus Verzweiflung und Wut. „Le mato, que la hicieron a mi estrella“ hatte er gerufen und der Ruf nach Rache für ihre Verwundung in seiner Stimme hatte sie beruhigt. Nach einer Woche hatte sie ihren Eltern erzählen können was sie gesehen hatte und sie hatten bitterlich geweint. Alle drei hatten sie geweint, fast zwei Stunden hatten sie voller Tränen still in ihrem Zimmer gesessen, ohne ein Wort zu sagen.
Das war jetzt sechs Monate her. Sie hatte fast einen Monat gebraucht zu begreifen was wirklich geschehen war. Sie war nur einmal mit ihrem Vater in ihre alte Wohnung gefahren, um Klamotten und ihre wichtigsten Sachen zu holen. Ihr Vater hatte Laura einfach rausgeworfen bevor sie hochgekommen war, sodass sie allein nur mit ihm zusammen ihre Sachen holen konnte. Anfangs waren die Gefühle des Hasses so stark gewesen, dass sie drauf und dran war Pläne zu schmieden wie sie Laura und Hermes vernichten konnte. Sie träumte davon wie sie Hermes mit dem Stilett ihres Vaters die Sehnen in den Leisten und den Ellenbeugen durchtrennte um ihm auf einem Stuhl festgebunden Lauras frisch rasierte Pussy vor sein dreckiges widerliches Maul zu halten. Und er, unfähig sich zu bewegen, könne sich dann das holen was er gesucht hat, mit seinen schönen schlanken Fingern in diesem dreckigen glatten kleinen Loch. Laura würde sie ihre Visage einfach mit ein paar gezielten Tritten kaputttreten, ihr die Arme und Beine brechen und sie so als wehrloses Krüppelpaar ihren eigenen Gelüsten ausliefern. Dann könnten sie sich ficken wie sie wollten. Doch sie merkte schnell wie sich dieses Gift des Hasses in ihr ausbreitete und sie leiden ließ. Kaum eine Nacht konnte sie länger als eine halbe Stunde zusammenhängend schlafen und wälzte sich durch ihre verschwitzten, zerweinten Laken. So unglaublich einsam und zerrissen war sie von Sehnsucht und Trauer, Verzweiflung und Schmerz. Sie quälten unzählige Gedanken und Fragen – WARUM???!!! Was war falsch an ihr, was hatte sie Hermes nicht gegeben, was hatte sie Laura angetan?
So rasend die Horrorfilme in ihrem Kopf sie jede Nacht auf Achterbahnfahrten durch ihre Eingeweide führten und so sehr sie sich wünschte alle Welt wisse was geschehen sei, so sprach sie doch mit niemandem. Es schmerzte zu sehr darüber zu sprechen. Den Menschen, den sie in ihrem Alltag bei der Arbeit im Krankenhaus begegnete erschien sie wie ein Geist und die wenigen Freunde die sie an sich ließ erfuhren erst langsam Stück für Stück was los war. Bestimmt war die Gerüchteküche am Brodeln und wohl ihre gesamte alte Schule und alle angehangenen Freundeskreise würden sicher wild spekulieren was da los war bei diesem ehemaligen zwei Dreamteams - Nayla und Laura und Nayla und Hermes. Sie schämte sich so sehr. Die Gedanken an diese Erniedrigung waren jedes Mal wie ein Bad in eiskaltem Wasser, das sie körperlich erschauern ließ und ihr wie ein schwarzer Magnet jegliche Energie aus dem Körper saugte. Wenn die Scham kam war sie immer völlig leer und kraftlos. Apathisch saß sie dann minutenlang da, ohne sich zu bewegen. Wie sollte sie denn jemals wieder vor die Augen der anderen treten?
Mittlerweile wusste sie dass lediglich ihre engsten Freunde bemerkt hatten dass da irgendwas gar nicht stimmte. Sie hatten sie auch angerufen und als sie sich zwei Wochen nicht gemeldet hatte waren Gizem und Saaba irgendwann vor der Tür ihrer Eltern aufgetaucht, um sie zu besuchen. Nachdem sie den beiden erzählt hatte was geschehen war, hatte Saaba fast eine Stunde nichts mehr gesagt und war irgendwann wutentbrannt rausgelaufen. Als sie wieder kam hatte sie Nayla in den Arm genommen und sie hatten gemeinsam mit Gizem einen langen Spaziergang gemacht. Dieses Gefühl, dass die beiden sie spürten, sich in ihrem Schmerz zu ihr gesellten und ihn ein Stück mit trugen war so eine Wohltat, dass Nayla abends im Bett das erste Mal ruhig eingeschlafen war. Die Bilder kamen wieder und wieder wachte sie oft auf, aber die Einsamkeit im Leid war kleiner geworden. Sie wurde langsam wieder handlungsfähig, konnte mit den beiden rausgehen und merkte dass nicht die ganze Welt ihre Schande kannte.
Ein oder zwei Wochen später, sie wusste es nicht mehr genau, hatte sie das erste Mal Frau Sevgi angerufen. Sie wollte sich dafür bedanken, dass sie bei ihr geblieben war und ihre Eltern geholt hatte an dem Abend. Sie hatten kurz telefoniert und sich direkt für den nächsten Vormittag für Tee und Baklava verabredet bei Frau Sevgi zu Hause. Sie hatte die Freude und Überraschung in ihrer Stimme regelrecht greifen können und erinnerte sich an das warme Gefühl als sie aufgelegt hatte. Nach diesem komischen Ereignis bei Hendrik war ihr klar es wurde Zeit, irgendwie spürte sie das Bedürfnis Frau Sevgi zu besuchen und sie war froh, dass sie den Mut gehabt hatte anzurufen.
An dem Morgen des besagten Samstags war es ein sehr ambivalentes Gefühl Frau Sevgi zu besuchen. Einerseits war ihre Begegnung regelrecht verklebt mit Erinnerungen an Hermes und Laura und alles in ihr widerstrebte dem Gedanken diesen Bildern in ihrem Kopf irgendwie nah zu kommen. Andererseits war die Erinnerung an die Nähe, das Mitgefühl und die Ruhe in dem Moment in dem sie innerlich zerborsten und gebrochen, völlig zugekotzt auf dem Bürgersteig in Frau Sevgis atmen auf ihrem Schoß gelegen hatte, schon öfter ein Quell des Friedens in dem ganzen Chaos der Erinnerungen aus Schmerz und Terror gewesen. Ihre ruhige Stimme die leise türkische Lieder gesummt hatte, war wie sie später merkte, durch den schweren dunklen schwarzengrauen Schleier aus Tränen, Entsetzen und Trauer gedrungen und hatte ihr in dem Moment zumindest etwas Halt gegeben.
So ging sie in ihr gemütlichstes Outfit gekleidet los und kaufte ihre Lieblingsbaklava bei dem türkischen Bäcker ihres Vertrauens, diese köstlichen zuckrig klebrigen Gedichte aus Blätterteig, Nüssen und türkischem Honig. Sie fuhr mit der Bahn zum Hansaring und lief zu ihr in die kleine Seitenstraße in der Frau Sevgi wohnte. Sie klingelte an der Tür des dreistöckigen Sechziger Jahre Nachkriegsbaus. Eines dieser typischen Wohnhäuser die nach den Bomben auf den Trümmern als pragmatische Lösungen und damals wohl noch billiger Wohnraum gewachsen waren. Form Follows Function par excellence dachte sie. Sie wartete mit leichtem Herzklopfen darauf dass der Summer ertönte. Nach ein paar Sekunden erklang das leise Brummen und sie ging schnell die Treppen hinauf in den zweiten Stock.
Die erste bewusste Begegnung mit Frau Sevgi war für Nayla ein einschneidendes Erlebnis. Sie stand in dem Türrahmen ihrer Wohnung und lächelte sie an. Mit Augen voller Liebe und Ruhe hieß sie sie, ohne ein einziges Wort zu sagen willkommen. Nayla hatte in dem Moment als sie in ihre dunklen Augen schaute, das Gefühl dass Frau Sevgi ohne dass sie überhaupt wusste was geschehen war und warum sie damals da gelegen hatte, schon seit diesem Moment bis eben jetzt immer bei ihr gewesen war. All ihr Leid und all ihr Schmerz strahlten voller Ruhe und Frieden aus diesem Blick ohne, dass es weh tat.
„Hallo minik kuş“ sagte sie. Kleiner Vogel - Nayla musste lächeln. Ja für Frau Sevgi war sie das sicherlich. Und sie hatte sie gefunden, dort auf der Straße. Wie sie da gelegen hatte, aus dem Nest gefallen und mit gebrochenen Flügeln wehrlos und allein. „Hallo Frau Sevgi“ antwortete sie verlegen und stand unsicher in ihrer roten Jogginghose und dem zu großen schwarzen Kapuzenpullover vor ihr. Frau Sevgi lachte „Oh mein Name ist Mevlana, minik kuş, ich weiß du heißt Nayla. Also nochmal?“ Nayla lächelte breit und sagte „Hallo Mevlana, ich bin gekommen, um mich zu bedanken.“ Sie hielt ihr die Tüte mit den Baklava entgegen. „Dafür dass Sie … ähhhh … du auf mich aufgepasst hast, als es mir so schlecht ging.“ Mevlana schwieg, lächelte und schaute ihr in die Augen. Sie nahm ihr die Baklava ab, stellte sie auf den Beistelltisch neben der Tür und nahm ihre Hände in ihre warmen, faltigen, kleinen Finger. „Weißt du minik kuş, was du suchst, das sucht auch dich.“ Nayla stutzte einen Moment. Ein wenig die Stirn runzelnd, legte sie den Kopf leicht schief und wartete darauf dass Mevlana weitersprach. Doch die lachte nur leise, drehte sich um, griff nach den Baklava und verschwand in der Tür neben dem Eingang, den Geräuschen nach zu urteilen die direkt darauf erklangen, anscheinend um Tee zu machen.
Mevlanas Wohnzimmer glich in etwa dem was Nayla an Bildern im Kopf hatte von den Geschichten aus tausend und einer Nacht. Nur nicht so prunkvoll und alles etwas abgegriffen, dennoch war es wirklich geschmackvoll und warm eingerichtet. Es lagen zahllose Teppiche auf dem Boden oder hingen an den Wänden und alles war voller Kissen. Unzählige Kissen bedeckten das Wohnzimmer, sie waren gestapelt um darauf zu sitzen oder einfach darin zu versinken. Am auffälligsten jedoch waren die Bücher – überall waren Bücher. Die Wände waren voller Regale mit Folianten, Romanen, Sachbüchern und Textsammlungen und auch im Rest des Raumes lagen kleine Haufen an Büchern mit Zettel und Lesezeichen. Was sie bei genauerem Hinsehen aber am meisten verdutzte waren die Schriftrollen. Sowas kannte sie nur aus Filmen oder Fantasyromanen, aber hier lagen wirklich echte Schriftrollen auf dem Boden. Teilweise gesammelt in kleinen Stapeln, manche gar entrollt, halb geöffnet mit Schriftzeichen die sie als persisch oder arabisch deutete. Sie war vor Staunen im Türrahmen stehen geblieben und bemerkte erst dass sie anscheinend etwas gaffend im Weg stand, als sie eine zärtliche Hand auf ihrer Schulter spürte die sie sanft ins Zimmer schob. „Setz dich“ sagte Mevlana freundlich. Sie drückte Nayla ein Glas heißen Tee in die Hand, stellte ein Tablett mit deutlich mehr und auch noch einigen anderen Baklava vor ihr auf den Tisch und forderte sie in einem ruhigen und liebevollen Tonfall auf ihr doch zu erzählen warum sie sie denn dort auf dem Bordstein in diesem Zustand gefunden habe? Nayla zuckte zusammen, Tränen schossen ihr in die Augen und sie wurde bleich. Mevlanas Blick wurde weich. Sie setzte sich neben Nayla und nahm ihre Hand. „Hör was in dir schwingt und sprich, minik kuş, alles ist gut. Das macht dich frei.“ Sie drückte sanft ihre Hand „Sei wie schmelzender Schnee, wasch dich von dir selbst ab und lass es einfach fließen. In dir, dort drinnen“ sie tippte Nayla sacht auf die Brust “In der Stille deines Herzens, dort wächst eine weiße Blume. Lass deine Zunge zu dieser Blume werden. Wenn das Leid aus dir fließt, Minik kuş wirst du dich besser fühlen. Stau es nicht auf. Du bist kein Stausee, du bist das Meer, du bist der Ozean. All dieses Leiden in dir, es ist ein Geschenk und tief in ihm versteckt liegt unser Mitgefühl“ Nayla staunte, diese Art zu sprechen war wie als würde Mevlana bunte Bilder aus ihrer Seele ziehen und in Worte binden, um mit ihr zu kommunizieren. Und gleichzeitig hatte ihr Tonfall und ihr Charisma eine Weite und Wärme dass sie sich so sicher fühlte und obwohl sie Mevlana eigentlich kaum kannte zu ihr doch ein tiefes Vertrauen schöpfte.
So begann sie ihre Geschichte zu erzählen, von der Freundschaft mit Laura, ihrer gemeinsamen Schulzeit, der gemeinsamen WG. Von der ersten Begegnung und ihrer Liebe zu Hermes bis zu dem Tag an dem alles zerbrochen war. Sie hatte teilweise sogar kurz lachen müssen und Mevlana einige der teils wirklich schönen und auch witzigen Erlebnisse geschildert, die sie mit Laura verbunden hatten. Auch als sie erzählte wie Hermes sie erobert hatte, waren ihr die Tränen gekommen in Erinnerung an die liebevolle Art der ersten Monate. Mevlana hatte sehr aufmerksam zugehört, ohne auch nur eine einzige Bemerkung zu machen. Gleichzeitig war ihr Blick stets gebannt den Lippen Naylas gefolgt und sie hatte ihr sobald ihr Glas leer war neuen Tee aus dem Samowar geholt. Sie saß ihr schweigend gegenüber und schaute sie wartend an. Nayla wurde etwas mulmig zumute, unsicher sagte sie schließlich „und dann hast du mich gefunden, dort auf dem Bürgersteig in meiner Kotze“
Mevlana schmunzelte. „Wie fühlst du dich jetzt minik kuş?“ Nayla schluckte, sie fühlte sich komisch, so als wäre sie ausgeleert worden, als hätte jemand einen großen Stopfen gezogen und viel von dem was sie bedrückte war ausgeflossen, und dennoch fühlte sie sich wund, wund und gebrochen. „Ich fühle mich so leer. So leer und .. ich schäme mich … und ich habe so viel Wut auf die beiden in mir. Manchmal liege ich nachts wach und habe das Gefühl ich würde kochen, wie Säure in einem Topf über Feuer aus der Hölle. Ich fühle mich so wertlos weißt du. Er hat sie wahrscheinlich die ganze Zeit gefickt“ Nayla kamen die Tränen, sie schaute auf und sah, dass Mevlana die Stirn gerunzelt hatte und einen strengen Blick bekommen hatte. „du fühlst dich wie eine Ruine deiner selbst? Zerschlagen und zerstört?“ Nayla nickte traurig. Mevlana lacht leise „Das ist doch gut, wo Ruinen sind, da ist auch Hoffnung einen Schatz zu finden.“ Nayla musste kichern und verschluckte sich fast an ihrem Tee. „Weißt du meine liebste sagte immer: „die Freude ist wie klares reines Wasser, wo immer es fließt, blühen wundersamste Blüten – die Trauer dagegen ist wie eine schwarze Flut, die wo immer sie fließt, alle Blüten verwelken lässt. Trauere nicht, mein kleiner Vogel, alles was du verlierst wird in einer anderen Form zu dir zurückkommen.“
Nayla staunte. Mevlana hatte eine Frau geliebt. Rührte daher all das Leid und die Weite in ihren Augen? Was musste das für ein Mensch gewesen sein, dass so eine weise Frau sie hier in so wundervollen Worten zitierte. Noch in diesen Gedanken gefangen, merkte sie wie Mevlana wieder zu sprechen begann „Weißt du, das Leben … es raubt uns manchmal alles, alles, minik kuş, alles.“ Sie schwieg und seufzte tief. Still saß sie da, den Tee in ihrer Hand der schweigend dampfend flüchtige wabernde Bilder aus Wasser und Hitze in die Luft malte. Nayla war wie gefangen von den dunklen Augen dieser alten wunderschönen Frau die ihr da gegenüber saß, sie konnte all diese Jahre regelrecht körperlich spüren, all die Kraft und Wärme die dort in ihr ruhten.
„Auch ich liebte einst einen Menschen, so schön und weit wie der Himmel. Sie hatte eine Seele, in der so viele Feuer brannten wie unser Universum Sonnen trägt. Ihr Name war Shemsedine, sie war ein wilder Geist, ein persischer Engel. Sie kam aus Tabrizi. Unsere Geister waren wie zwei Monde, die umeinander kreisten, sich gegenseitig das Licht zu schenken. Wir ließen uns gegenseitig heller erstrahlen als die Sonne. Unsere Reise schien gerade erst zu beginnen, wir forschten gemeinsam und suchten die großen Fragen des Lebens zu beantworten - ob Gott wirklich liebe ist? unsere liebe für die liebe, zu Allah und seiner wundervollen Unendlichkeit und Größe war so rein und unermesslich, dass wir beide liebestrunken wie die Sufis tagelang durch unser Dorf wandelten. Es war ein Traum voll Demut und Vereinigung, wir hatten uns aufgelöst in Gott minik kuş – denn ja, es ist wahr - Gott ist liebe, und sie, sie war mein Geschenk Gottes.“ Eine Träne rann ihre Wange herunter, mit vor Glück strahlenden Augen wischte sie sich die Tropfen fort und sprach weiter.
„Doch eines Tages … ging sie fort … sie ging fort, minik kuş. Sie ging fort und kam nie wieder.“ Nayla sah wie Mevlana wie im Traum in die Ferne starrte, scheinbar immer noch voll Unglauben und Unverständnis was damals geschehen war. Dann lächelte sie leise und schaute sie an „ich war untröstlich minik kuş, ich wollte nicht mehr leben. Ich ging sie suchen, zu Fuß, lief ich tagelang auf der Suche nach ihr, doch ich fand sie nicht. Niemand wusste wo sie war und niemand hatte sie gesehen. Es dauerte Monate bis ich wieder richtig essen und schlafen konnte. Dann eines nachts erkannte ich, dass das Leben uns manchmal alles nimmt, es kommt wie der Winter, mit hartem kaltem Frost und wirft Schnee und Eis auf uns. Tötet alles was wir nicht in den Schutz unseres Herzens retten können. Und mir wurde klar, nur wenn der Mensch des Äußeren beraubt wird, ebenso wie im Winter, besteht Hoffnung, dass sich ein neuer Frühling in ihm entwickelt. Denn im Leben minik kuş, sind wir, du und ich, wie eine Schüssel auf dem Wasser. Aber merke dir, die Bewegung der Schüssel auf dem Wasser wird nicht von der Schüssel, sondern vom Wasser bewirkt.“ Nayla schwieg, sie wusste nicht was sie sagen sollte. Mevlana schaute sie ruhig an und sagte „diese wunde, dieses Loch, diese Leere in meinem Herz, sie lebt dort bis heute. Aber sie küsst mich jeden Tag, denn die Wunde ist der Ort in dem das Licht in uns tritt. Als sie ging, hat Shemsedine das Licht in meinem Herzen ausgeblasen. Aber diese Kerze sie ist noch da. Auch du trägst sie in deinem Herz, sie wartet darauf entzündet zu werden. Auch in deiner Seele ist eine leere Stelle, und sie ist bereit gefüllt zu werden. Du fühlst es, oder nicht?“
Nayla wusste nicht was sie sagen sollte, so nickte sie kaum merklich. Sie wollte sich nicht eingestehen dass Mevlana recht hatte. Dass diese Leere in ihr nur der Anfang war? Der Anfang für was, für wen und warum sollte ein Anfang so schmerzhaft sein? Sie wusste genau, dass Hermes und Laura ekelhafte Schweine waren und dass sie Schuld daran waren wie sie sich fühlte. Sie hatte einen ganz trockenen Mund, also trank sie einen Schluck Tee, räusperte sich und sagte „Weißt du, dass ich mich so fühle ist die Schuld von zwei Menschen. Ich habe sie geliebt, ihnen vertraut und sie in mein Herz gelassen. Wo ist da der Anfang Mevlana?“ Sie merkte erst jetzt wie laut sie geworden war mit den letzten Worten, erschrocken blickte sie der älteren Dame ins Gesicht. Doch die lächelte nur und entgegnete fast spöttisch „Erhebe deine Worte, nicht deine Stimme minik kuş. Es ist der Regen der Blumen blühen lässt, nicht der Donner.“ Nayla senkte etwas beschämt den Blick, sie hatte nicht laut werden wollen, aber die Gefühle und die Erinnerung hatten sie regelrecht übermannt.
Mevlana lehnte sich zurück in ihre Kissen und fuhr fort „Aber sag mir, ist das so? Sind die beiden Schuld an deinem Leid? Und wenn es so ist, was hilft dir das? Ist es Schuld, die dich befreit von all dem Leid oder vielleicht die Verantwortung für das Geschehene? Kannst du die denn tragen für die beiden? Kannst du sie denn für dich selber tragen? Sag mir doch lieber … und Du mein kleiner wunder Vogel, wann wirst du diese Reise antreten, diese lange Reise in dich selbst?“ Nayla blickte sie verwirrt an „Ich verstehe nicht … was meinst du mit Reise?“
Mevlana lächelte dieses warme weite lächeln „Ach mein Vögelchen, unser Menschsein, unsere Tage auf dieser Erde, jeder einzelne, sie sind wie ein Gasthaus. Jeder Morgen ist eine neue Ankunft. Eine Freude, eine Trauer, eine Gemeinheit - jedes Gefühl, jedes momentane Bewusstsein kommt als ein unerwarteter Gast. Begrüße sie und heiße sie alle willkommen. Behandle jeden dieser Gäste mit den ihm gebührenden Ehren. Der dunkle Gedanke, die Schande, die Boshaftigkeit öffne ihnen lachend die Türen und lade sie ein. Sei dankbar für jeden der zu dir kommt, weil alle, sie alle sind gesandt als Boten des Lebens. Das ist der Weg Minik kuş, der Weg das Leben nicht als eine ewige Kette aus Trauer und Schande zu leben, sondern zu beginnen zuzuhören und zu verstehen was es uns erzählen will. Was uns die Boten sagen wollen, wo wir zu fest gehalten haben an den Dingen oder wo wir Angst hatten an uns zu glauben. Oder minik kuş“ Mevlana stand auf und setzte sich wieder neben sie und nahm ihre Hände in die ihren. „Oder minik kuş, wo wir unseren Träumen nachgejagt sind in Angst vor der Wirklichkeit haben wir uns versteckt in diesen Schlössern aus Luft und Seide. und wir haben unsere Nächsten in Kleider gekleidet haben, die ihnen nicht passten, sodass sie sich diese irgendwann vom Leib gerissen haben und vergaßen wer wir sind.“ Nayla schluckte.
Es stimmte, sie hatte schon lange gefühlt, dass es anders geworden war zwischen ihnen dreien. Hermes hatte sich verändert, er war viel weiter weg gewesen und auch Laura war nicht mehr abends in ihr Zimmer gekommen, um mit ihr im Bett zu schlafen wie früher. Doch sie hatte es nicht wahrhaben wollen. Stattdessen hatte sie versucht einfach weiterzumachen, war gestresst von der Arbeit nach Hause gekommen, hatte gekifft und versucht, wenn sie mit Hermes zusammen war den Sex mit ihm zu genießen. Aber sie hatte gespürt dass er woanders gewesen war.
Waren dies die Träume von denen Mevlana sprach, die Kleider, die sie den beiden übergeworfen hatte? Langsam begann sie zu begreifen dass so widerlich der Betrug gewesen war, er doch menschlich war. Sie hatte gar nicht mehr zugehört was Hermes und Laura eigentlich vorgelebt hatten. Sie war in ihrem Alltagstrott und ihrer Welt unterwegs gewesen und hatte die beiden mit ihren Bildern belegt. Sie merkte wie unglaublich enttäuscht sie von den beiden war, aber sie merkte auch dass sie den beiden nicht allein die Schuld an all dem geben konnte. Dass Schuld sie hier nicht weiter brachte. Sie trug auch einen Teil dazu bei, sie hatte das mit sich machen lassen, war blind an all den Zeichen vorbeigelaufen, hatte ihre Wünsche und Träume über ihr eigenes Empfinden gestellt um die unangenehmen Fragen nicht sehen zu müssen. Sie hatte sich selbst nicht geglaubt – hatte nicht darauf vertraut dass ihr Herz und ihr Bauch wussten, dass da was nicht richtig gewesen war.
Sie atmete tief durch nahm sich ein Stück Baklava und kaute langsam auf dem Blätterteig und den zerstoßenen Pistazienstückchen. Wie eine Forscherin suchte sie die einzelnen Nusssplitter und zermahlte sie vorsichtig zwischen ihren Schneidezähnen. Sie erlaubte dem süßen klebrigen türkischen Honig ihr Gefühl der Enge in der Brust etwas aufzuschnüren, dass sie wieder besser atmen konnte. „Was für grausame Boten hat mir das Leben da geschickt in den Kleidern meiner liebsten?“ „Nun minik kuş, ich glaube sie waren die Boten die du brauchtest um ein bisschen aufzuwachen. Und schau, wären wir uns begegnet hättest du nicht versucht in deinem Erbrochenen zu baden an diesem Abend?“ Nayla lachte, das Bild war zwar grotesk aber irgendwie konnte man es wohl auch so sehen. „Ja du warst meine kleine Maryam in der Not, in diesem Schein der Laterne.“ Nayla musste noch mehr lachen „Ich war nicht Maria voll der Gnade, ich war Maria voll der Kotze!“ „So kann man das auch sagen ja“ lachte nun auch Mevlana.
Sie redeten noch etwas über etwas weniger schwermütige Dinge, wie z.B. die ganzen faszinierenden Schriftrollen und deren Herkunft und Inhalt. Nayla lernte staunend dass Mevlana scheinbar zahlreiche alte Sprachen las und schrieb. Sie hatte dort Schriftrollen in Aramäisch, Alt-Griechisch und Hebräisch liegen, in denen sie gerade die Wunder der Merkaba studierte. Was die Merkaba eigentlich war wollte sie sie das nächste Mal fragen wenn sie sich sahen. Eine Weile später brach Nayla auf. Sie verabschiedeten sich innig und herzlich und umarmten sich gegenseitig lang und liebevoll. Mevlana küsste sie auf die Stirn und sagte “Danke dass du gekommen bist Minik kuş, dich zu treffen war ein großes Geschenk.“ Nayla küsste sie als Antwort lachend zurück auf die Stirn und ging aus der Tür.
Sie lief durch den sich abzeichnenden Abend und sah wie die Sonne mit ihrem ermüdenden Licht sanft und vorsichtig die Dinge küsste. Sie ließ sie warm und goldig strahlen und gab allem einen wie in Honig gemalten Glanz. Die Gesichter der Menschen wirkten weicher und offener als noch früher am Tag. Vielleicht lag es auch an ihrer Verwundbarkeit und eigenen Offenheit nach diesem schönen und doch irgendwie merkwürdigen, so scheinbar aus der Zeit gefallenen Gespräch.
Sie lief einfach und lief. Bis sie schließlich am Rheinufer stand. Sie wanderte die Uferpromenade Richtung Süden bis sie zur Severinsbrücke kam. Sie ging tanzend über die Rheinuferstraße und stieg die Treppen zur Brücke rauf. Sie stellte sich an das Geländer und schaute zu wie die Nacht langsam das letzte Licht des Tages trank und die letzten Strahlen der Sonne sich in Dunkel auflösten. Mit dem Blick von oben auf den Yachthafen betrachtete sie diese merkwürdig leblosen Gebäude, die wie auf dem Reißbrett von Architekten entworfen waren. Sie schienen als hätten sie jeglichen Bezug zu reell existierenden sozialen Gefügen, Lebensrealitäten und Bedürfnissen normaler Menschen verloren. Oder die Bedürfnisse der oberen zehntausend waren so grundlegend verschieden von den Menschen wie sie selbst oder denen die sie kannte, dass es deshalb so befremdlich und inhuman wirkte hier.
Und über allem wölbte sich der sich in ein immer dunkleres Blau kleidende Nachthimmel. So über der Stadt war nur ein Bruchteil der Sterne zu sehen die sonst an so einer klaren Sommernacht erkennbar gewesen wären. Der Wind strich sanft über ihren Nacken und wehte ihr Haar wie spielerisch neckend durch die Lüfte. Langsam kletterte sie auf die Brüstung und setzte sich.
Sie saß auf dem Rand der Brücke und ließ die Füße baumeln. Langsam schwang sie den rechten hin und her und ließ den linken Fuß allein durch die kaum sichtbare Bewegung ihrer Hüfte dem rechten folgen. Ihr Blick fiel hinab in das tiefe schwarze Wasser unter ihr und ihr Herz brannte. Ihr Atem flaute auf und ab wie der Wind im Herbst. Ihre Gefühle waren eine Berg- und Talfahrt. Teils stürmte sie hinauf zu Momenten voller Glück und Wärme und Geborgenheit in Erinnerung an das Gespräch mit Mevlana und all die Weite und Klarheit, um im nächsten Moment abzustürzen in Schluchten voll schwarzer Enge, kalt und klamm, voller zitternd frierender erdrückend schwerer Angst. Sie schien zu bersten unter diesem Druck und dennoch saß sie äußerlich völlig unbeweglich auf dieser Brüstung. Nur ihr rechtes Bein führte im monotonen Takt den Tanz ihrer Füße durch die warme Abendluft.
Wie Gewehrsalven prasselten einzelne Erinnerungen durch ihren Körper, zuckte der Schmerz oder ergoss sich das Wohlbefinden über und durch sie. Da begann wie Tauwasser, wie als würde sich über ihr ein Rinnsal aus Licht in sie ergießen, ein erst kaum wahrnehmbares Gefühl der Weite begann in ihr zu fließen. Sie spürte und sah es wie als würde sie auf ein offenes weites Meer schauen, dass ihr Leid nicht durch andere verursacht worden war. Es brannte immer noch ihr Herz. Pochend drückte es wie siedendes Blei die Gedanken an die Lügen und die Bilder des Betrugs durch ihren Geist. Aber und war es nur für den Moment, sie wusste, sie war nicht der Grund dafür gewesen. Dennoch waren die Gedanken an das was Hermes getan hatte immer noch beißend und giftig wie Säure auf offenes Fleisch. Und doch begann sie zu trauern, zu trauern um die Freundschaft, die Liebe und all die Zeit die sie gehabt hatten und so nie wieder haben würden.
Tränen begannen sich langsam den Weg aus ihren Augenwinkeln zu suchen und flossen in einem steten leisen Strom ihre Wangen herab in ihr Dekolletee. Sie weinte in aller Stille und Ruhe vor sich hin und ließ den Wind die Tränen mit sich tragen. Sie hörte das Lied der Nacht und spürte wie sie ruhig hin und her geschaukelt wurde von der schwachen kaum spürbaren Schwingung der Brücke. In all diesem Fühlen und diesem auf und ab an Schmerz und Frieden begann sie auch um die Freundschaft zu trauern und dafür wie bitter es war, dass sich die beiden ihr gegenüber so verhalten hatten. All diese armseligen Lügen und der Betrug, diese Schwäche und Feigheit machten sie so traurig und doch erkannte sie dass es dabei gar nicht um sie gegangen war. Dass es einfach Schwäche gewesen war. Die beiden taten ihr leid. Ihr Verhalten war arm und traurig und die Augen von Hermes in der Wohnung von Hendrik hatten ihr alles gesagt was sie wissen musste. Er litt, er litt wie ein Schwein – zu Recht – und dennoch tat ihr leid, dass er sich und ihr das angetan hatte.
In diesem Moment in dem sie begann den beiden so etwas wie Vergebung entgegen zu bringen sah sie das sich vor ihr eine Art Pfad eröffnete. In dieser Erfahrung ihres Mitgefühls und der Menschlichkeit des Handelns der beiden merkte sie wie sich die Ursache ihres Leids, der Betrug langsam auflöste. Er wurde weniger schlimm, nagte nicht mehr so an ihr und zersetzte mit seinen giftigen Tentakeln nicht mehr ihr Herz. Vielmehr verwandelte er sich in ein Bild der Schwäche, ein Sinnbild des Leidens und der Angst von Hendrik und Laura, vor dem sie sich selbst stehen sah. Sie stand dort, schweigend staunend und sich wundernd wie man so wenig spüren konnte und wie verloren die beiden wohl gewesen sein mussten.
Nayla spürte wie ihr Herz offen da lag. Offen und verwundet glich es einer Fleischwunde die jeden Lufthauch, jeden feinsten Umschwung der Gefühle erfuhr. Ihr Herz hatte sich geöffnet um ganz unmittelbar die Welt so zu erfahren wie sie war. Durch den Schock des Betrugs war sie all die Filter ihrer eigenen Fantasien beraubt. So war sie völlig nackt und gleichzeitig frei um die Welt zu erfahren so wie sie ist, ohne Erwartung und ohne eigene Bilder. Sie spürte dass sie durch das Öffnen ihres Herzens in die unmittelbare Erfahrung der Verwundbarkeit eingetreten war. Sie hatte begonnen die Ursache des Schmerzes im Vergeben aufzulösen. Sie begann sie freizulassen durch das Vergeben. Aber der Schmerz selbst er blieb - er war immer noch da. Ihr Herz war immer noch roh und wund. Voller Schnitte und Kratzer und pumpte dieses leid aus seinen Kammern. Es musste heilen.
So saß sie nun mit ihrem blutigen Herz und weinte und lachte leise „Wenn ich euch vergebe, was mach ich denn dann jetzt, so ohne Grund zu leiden?“
Nayla erkannte dass sie eine Chance bekommen hatte, die Chance dieses Leiden als ein Fenster zu nutzen, durch das sie mit staunenden Augen den Prozess der Heilung ganz direkt betrachten konnte. Außerdem konnte sie all die Wunder dieser Welt, die ganze Schönheit dieses Planeten mit den Augen und dem Reichtum an Sensibilität unseres empfindsamsten Organs erleben - unserem Herzen.