gabriel riquelme
← Vortrag

Impulsvortrag · 9. Mai 2026

Warum wir tanzen in dunklen Zeiten?!

Jenseits eines performativen Antifaschismus. Gabriel Riquelme, Frente Salsero. Werkstatt studiobühneköln & School of Political Hope.

Was gewachsen ist

„Das Licht spielt warm mit den Farben des späten Sommers, die Musik strömt in warmen Wellen über den Platz, dessen soziale Kälte auch an heißen Sommertagen die Menschen fernehält. Kinder spielen auf dem Rasen und die Eltern tanzen Salsa Cumbia und Champeta, singen Lieder ihrer tausende Kilometer entfernten Viertel als Hymnen der fernen Barrios. So wachsen hier in Köln, weit weg von zu Haus, Kinder mit dem Klang der Heimat auf. Mit den Gerüchen der Straßen von Cali, San Salvador und Chiapas — und so wächst hier in Köln in einem neuen zu Hause eine Gemeinschaft und eine gemeinsame Identität – Latinos urbanos.“

Das ist eine Szene aus meinem Essay – Inseln im Bauch der Bestie. Ich habe ihn geschrieben, weil ich verstehen wollte was da passiert. Was das für Momente waren. Und ich habe angefangen zu lesen — Glissant, Hall, Holloway, hooks, Gilroy. Und irgendwann habe ich uns darin gesehen.

Nicht als Fehler im System. Nicht als Problem im Stadtbild. Sondern als das was wir wirklich sind: anders und wundervoll.

Das Tun kam zuerst. Der Text danach. Nicht umgekehrt.

Was die Theorie sichtbar macht

Als ich Hardt und Negri las habe ich verstanden warum ich leer war. Das Empire — ihre Bezeichnung für das aktuelle System globaler Macht — kennt keinen Außenraum mehr. Es produziert nicht nur Waren. Es produziert Subjektivitäten. Es formt wer wir glauben zu sein. Jede Beziehung, jeder Affekt, jeder Rhythmus wird in eine ökonomische Logik übersetzt.

Ich hatte zwanzig Jahre lang versucht innerhalb dieser Logik politisch zu sein. Systemkritisch zu sein. Und das Empire hat es verdaut. Jeden Förderantrag, jedes Format, jede Haltung. Das ist nicht mein Versagen — das ist die Logik des Systems.

Aber Hardt und Negri zeigen auch: genau diese totale Durchdringung erzeugt die Möglichkeit des Widerstands. Die Multitude — plurale, nicht-hierarchische, diasporische Subjekte — bringt im Herzen des Empire alternative soziale Beziehungen hervor. Nicht als Gegenstaat. Als Netz von Momenten die die imperiale Logik unterlaufen.

Als ich das las habe ich den Ebertplatz gesehen.

John Holloway nennt das Cracks — Risse im scheinbar geschlossenen System. Brüche in der Logik von Ursprung und Reinheit und der Kausalität des Kapitalismus und Patriarchat als einzig möglicher Lösung. Das System ist nicht hermetisch. Es braucht unsere Energie – die Energie der Kontrollierten.

Und dort, wo wir nicht passen, wo wir reiben, wo wir uns nicht assimilieren — dort entstehen diese Risse. Wir als Latinxs, als Postmigrante, als nicht-weiße Körper gelten als Störung im deutschen Stadtbild. Der hegemoniale Diskurs sagt: ihr gehört nicht hierher. Ihr seid das Problem.

Doch Holloway hat mir gezeigt: wir sind nicht das Problem. Wir sind der Riss. Und der Riss ist da wo das Licht einfällt.

Glissant schreibt: Handle an deinem Ort — die Welt hält sich dort auf. Er beschreibt die Vielfalt unserer Identität nicht als Mangel, nicht als Verlust von Reinheit — sondern als Reichtum. Er spricht von Kreolität und beschreibt hier kein entweder oder, sondern ein gleichzeitiges sowohl als auch. Diese Diversität nennt er das Wundervollste, was aus der Geschichte der Diaspora gewachsen ist. Unsere Vielheit, unsere Widersprüche, unsere Überlagerungen — das ist keine Schwäche. Das ist Kreolisierung als Kraft.

In seinem Verständnis sind die Momente am Ebertplatz, diese Gegenräume, die wir geschaffen haben, Archipele. Es sind temporäre Inseln in der Großstadt, an Orten, die uns nicht gehören, die wir für diese Zeit besetzen. Archipele, die immer wieder auftauchen und die wir nutzen, um uns selbst zu feiern und uns zu verankern und zu vernetzen.

Und genau dieses Feiern ist wichtig – es ist Freude und Gemeinschaft aber vor allem erleben und inszenieren wir uns selbst.

Stuart Hall zeigt: wer die eigene Geschichte nicht aktiv erzählt, wird durch die Geschichte der anderen definiert. Der imperiale Diskurs erzählt uns, wer wir sind — Fremdkörper, Störung im Stadtbild, Makel und Problem. Unsere Musik, unser Tanz, unsere Feste — wirken so als Weigerung diese Erzählung zu akzeptieren. Wir schaffen so eine aktive Konstruktion unserer eigenen Identität. Als eine positive Gegenerzählung in diesem toxischen medialen Sturm der uns umtost.

Paul Gilroy bezeichnet uns in unserem Tun als organische Intellektuelle — Menschen, die ohne institutionelle Privilegien politisches Bewusstsein und kollektive Erinnerung formen. Als ich das gelesen habe, habe ich aufgehört mich zu fragen, ob das was wir tun legitim ist und angefangen zu überlegen, wohin das führen kann.

Dann fand ich das wundervolle Statement von der DJane Zeemuffin zum Ego-Death. Sie sagt: when the DJ becomes a product, the listener becomes a consumer, not a participant.

Daher fordert sie den Ego-Death — hör auf das Zentrum des Spektakels zu sein, werde zum Werkzeug deiner Gemeinschaft. Die Tanzfläche gehört nicht uns DJs.

Aber das gilt nicht nur für DJs. Es gilt für uns alle die wir Räume halten. Der Raum gehört nicht uns — er gehört allen – er gehört der Gemeinschaft die darin entsteht.

Das war der Moment wo ich verstanden habe warum der Club mich leer gemacht hat. Ich war Produkt geworden. Und die Gäste Konsumenten. Auf dem Ebertplatz war das anders – da ohne Eintritt – im öffentlichen Raum sind wir alle Teilnehmende.

Doch was hält diesen Raum? Was macht ihn zu mehr als zu einem Event oder Partyprogramm?

Ich hab hier in der wundervollen bell hooks die Antwort gefunden die mich mein ganzes Leben bewegt hat – Liebe.

Sie sieht Liebe nicht nur als undefiniertes Gefühl oder hormonellen biologischen Effekt – sie beschreibt sie als bewusste Entscheidung – als aktive politische Praxis. Fürsorge, Respekt, Verantwortung, Vertrauen und vor allem der unabdingbare Mut zu Ehrlichkeit – zu ehrlicher Kommunikation. Sie sagt: Der Moment in dem wir uns entscheiden zu lieben beginnen wir uns gegen Unterdrückung zu bewegen. There can be no love without justice. Das ist was Gemeinschaft von Event unterscheidet. Das ist was unsere Räume trägt. Nicht Strategie. Nicht Programm. Liebe als Haltung.

Was ich mitgebe

Ich sitze hier nicht mit Antworten. Ich berichte von meiner und unserer Erfahrung.

Wir als Frente Salsero wollen nicht nur die eigene Identität neu schreiben, sondern andere einladen ihre zu erweitern. Vor allem anderen aber, wollen wir, dass andere sich uns anschließen, nicht nur mit uns zusammen feiern, sondern selbst solche Orte zu schaffen oder die schon bestehenden Orte neu zu lesen und zu ergreifen und neu zu schreiben.

So kann aus einem Archipel eine ganze Inselgruppe wachsen. In diesem Sinne hier der solidarische Aufruf – feiert das Leben und feiert Euch selbst. Unsere Vielheit, unsere Widersprüche, unser Nicht-Passen — das ist keine Schwäche. Das ist unsere Kraft.

Musik, Theater, Kunst und Kultur ermöglichen uns in ihrer ordinary magic des Alltags in diesem ganz konkreten Erleben, die Vielfalt und Diversität, den ganzen Reichtum des Lebens zu erfahren – als normal und ohne Angst.

So können wir jeder in seiner Realität und seiner Community die Inseln besiedeln in diesem düsteren dystopischen Ozean um uns herum. Und schließlich erzeugen alle ihren eigenen Soundtrack der Veränderung, wir mit Salsa andere mit Hip Hop, Punk, Reggae, Techno oder Dabke und so viel mehr – auf jeder Insel ein anderer Sound.

So wachsen sie die Archipele, von allein aus unserem Feiern, unseren Veranstaltungen, Treffen und unserem Tun. So nutzen wir die Cracks und unsere Archipele und formieren die kreolische Gegenerzählung zum kontinentalen Diskurs des hegemonialen Systems.

Wir verflechten dann diese Inseln im Bauch der Bestie unter der Oberfläche rhizomatisch immer weiter und lassen sie wachsen. Sie wachsen unabhängig voneinander und doch vernetzt durch unsere Kommunikation und unser Wissen umeinander, wachsen sie wie kleine Zellen. Bis sie schließlich überall immer wieder erscheinen, durch unser Menschsein poppen sie auf, sie wachsen zu einem Geflecht, bis wie in einem großen Teich das ganze Ökosystem kippt.

Basierend auf: Gabriel Riquelme, „Inseln im Bauch der Bestie“, 2025