Obwohl wir beide
auf das gleich gesicht schauen Sehen du und ich Zwei andere dinge Du siehst vlt latinos und magst in uns exotik sehen Oder fremdartige züge Die wildheit und die leidenschaft Das im dschungel lauernd schöne Ich weiß nicht was du für bilder hast Meine leute zu begreifen Sind wir doch viele Und jede jeder anders bunt Niemand scheint sich zu gleichen Doch sind wir auch ein zeugnis Sind die töchter der zerstörung Die söhne von sklaverei und genozid Die kinder des kolonialismus Das erbe der weißen allmachtsfantasie Aber all das Ich glaub das siehst du nicht Wird es uns so doch nie erzählt stattdessen lauschen wir legenden von Indiana Jones im dschungel von Kolumbus - da auf hoher see Hernán Cortés in glänzend rüstung oder den geschichten von el gordo und den nilpferden von Pablo ich wünschte so es redet wer von den taten der United Fruit Kissingers ränken um Allende der School of the Americas der EZLN, dem MST und immer wieder che warum? Was soll das? Wer will das hörn? ich mein freund ich will dass du auch weißt dass die geschichte nicht geendet hat mit der befreiung unsrer länder von spaniern, portugiesen oder gringos auch heute noch brennen die felder bluten die wunden und tobt dieser kampf und nicht nur auf den straßen, in den vierteln in den häusern, parlamenten lass mich dir erzählen was dieser kampf - der widerstand die unterwerfung und vertreibung was das mit uns macht ja mit uns und auch mit mir der ich nicht mal dort geboren bin denn obwohl wir beide wohl die gleichen gesichter sehn Sehen du und ich Zwei andere dinge Ich seh meinen vater Wie er voller stress Innerlich zerrissen Keine konflikte trägt Ich seh das leid und die sucht Meines wunderschönen onkels Sein vor unsren augen sterben Durch den weißen tod Der kalt und leise Von innen seine leber fraß ich seh meine onkels und tanten meine geschwister und cousins ich seh mich selbst die nase voller jala besoffen wie die nacht voller wilder lust ständig auf der flucht vor den alten geschichten die wir zum teil kaum kannten diesem schmerz hier in der fremde dieser entwurzelung die sich anfühlt wie ein ende das gerade erst beginnt so viele tragen in sich all diese geschichten so bitter und so hart dunkle märchen voll gewalt schwarze lieder der erniedrigung von folter, missbrauch, flucht wir haben episch dramen von träumen ganzer völker die im estadio nacional zerstückelt blutend enden mit kugeln in der brust und der gitarre in der hand und dieses dunklen fäden ziehen sich wie klebstoff durch unser allen seelen suchen uns flüsternd heim im schlaf trommeln nachts ans fenster und halten uns dann wach wo ist da, das was du siehst fragst du? Der du doch von latinos sprachst Von salsa, cumbia, reggaeton Von tacos, empanadas Von stränden, schönen menschen Metropolen bunt und voll Wenn du mir von alldem mit strahlenden augen erzählst und von den paisas sabrosas Den cubanitas loquitas Oder dem guten mezcal Und den tacos von juan Ich glaub ich weiß dann was du siehst In dieser Geschichte über uns Da sind wir wohl hier die guten So nett und sexy so carinoso liebevoll Unser essen schmeckt Wir tanzen lachen singen Wir scheinen nicht zu fremd zu sein Sind die kanaks die freude bringen Ihr liebt scheinbar sogar unsre dunklen seiten diese kalten harten zeiten Voll gewalt landflucht und intrigen Wo das leid der menschen in Cali, Cartagena, Medellín zur dunkelroten leinwand wird für ein fest von pablos siegen Ja wir sehen zwei andre welten Deine bunt und aufgeregt meine reich und duftend Ich seh das lachen meiner eltern Ich höre die vielen schritte meiner geschwister und ihrer kinder Höre uns weinend singen Valses und Boleros de navidad ich rieche drei tage vor feiern schon im hausflur all das essen alle helfen tagelang um ja nichts zu vergessen Seh meine tios am grill Con pollo y chorizo Meine primos als djs mit dembow und bachata Und hör die alten schimpfen Über esta música barata ich seh meine leute ich seh sie jeden tag hier im bauch der bestie von zu hause fernab schuften wie tiere in der gastro, fabriken putzen und tanzen als fachkräfte, künstler seh sie für ihre kinder einfach wundervolle welten zeugen die sie selber oft nicht kannten in der fremde heimat schaffen an orten dunkel und kalt und trotzdem tragen sie nach draußen all das was du siehst all die freude, das lachen die exotik, den reichtum dass essen und trinken die tänze die musik all das wissen um das leben und trotzdem ist in allem unsrem nehmen ein weiches warmes geben ich wünschte bruder dass du siehst was ich dir hier beschreibe unsre freude unser lieben ist auch zeugnis unsres leidens
g.r.KölnGesellschaft