gabriel riquelme
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Obwohl wir beide

auf das gleich gesicht schauen
Sehen du und ich
Zwei andere dinge

Du siehst vlt latinos
und magst in uns exotik sehen
Oder fremdartige züge
Die wildheit und die leidenschaft
Das im dschungel lauernd schöne

Ich weiß nicht was du für bilder hast
Meine leute zu begreifen
Sind wir doch viele
Und jede jeder anders bunt
Niemand scheint sich zu gleichen

Doch sind wir auch ein zeugnis
Sind die töchter der zerstörung
Die söhne von sklaverei und genozid
Die kinder des kolonialismus
Das erbe der weißen allmachtsfantasie

Aber all das
Ich glaub das siehst du nicht
Wird es uns so doch nie erzählt
stattdessen lauschen wir legenden
von Indiana Jones im dschungel
von Kolumbus - da auf hoher see
Hernán Cortés in glänzend rüstung
oder den geschichten von el gordo
und den nilpferden von Pablo

ich wünschte so es redet wer
von den taten der United Fruit
Kissingers ränken um Allende
der School of the Americas
der EZLN, dem MST
und immer wieder che

warum? Was soll das?
Wer will das hörn?
ich mein freund
ich will dass du auch weißt
dass die geschichte nicht geendet hat
mit der befreiung unsrer länder
von spaniern, portugiesen oder gringos

auch heute noch brennen die felder
bluten die wunden und tobt dieser kampf
und nicht nur auf den straßen, in den vierteln
in den häusern, parlamenten

lass mich dir erzählen
was dieser kampf - der widerstand
die unterwerfung und vertreibung
was das mit uns macht
ja mit uns und auch mit mir
der ich nicht mal dort geboren bin

denn obwohl wir beide
wohl die gleichen gesichter sehn
Sehen du und ich
Zwei andere dinge

Ich seh meinen vater
Wie er voller stress
Innerlich zerrissen
Keine konflikte trägt

Ich seh das leid und die sucht
Meines wunderschönen onkels
Sein vor unsren augen sterben
Durch den weißen tod
Der kalt und leise
Von innen seine leber fraß

ich seh meine onkels und tanten
meine geschwister und cousins
ich seh mich selbst
die nase voller jala
besoffen wie die nacht
voller wilder lust
ständig auf der flucht

vor den alten geschichten
die wir zum teil kaum kannten
diesem schmerz hier in der fremde
dieser entwurzelung
die sich anfühlt wie ein ende
das gerade erst beginnt

so viele tragen in sich
all diese geschichten
so bitter und so hart
dunkle märchen voll gewalt
schwarze lieder der erniedrigung
von folter, missbrauch, flucht

wir haben episch dramen
von träumen ganzer völker
die im estadio nacional
zerstückelt blutend enden
mit kugeln in der brust
und der gitarre in der hand

und dieses dunklen fäden
ziehen sich wie klebstoff
durch unser allen seelen
suchen uns flüsternd heim im schlaf
trommeln nachts ans fenster
und halten uns dann wach

wo ist da, das was du siehst fragst du?

Der du doch von latinos sprachst
Von salsa, cumbia, reggaeton
Von tacos, empanadas
Von stränden, schönen menschen
Metropolen bunt und voll

Wenn du mir von alldem
mit strahlenden augen erzählst
und von den paisas sabrosas
Den cubanitas loquitas
Oder dem guten mezcal
Und den tacos von juan

Ich glaub ich weiß dann was du siehst
In dieser Geschichte über uns
Da sind wir wohl hier die guten
So nett und sexy
so carinoso liebevoll

Unser essen schmeckt
Wir tanzen lachen singen
Wir scheinen nicht zu fremd zu sein
Sind die kanaks die freude bringen

Ihr liebt scheinbar sogar
unsre dunklen seiten
diese kalten harten zeiten
Voll gewalt landflucht und intrigen

Wo das leid der menschen
in Cali, Cartagena, Medellín
zur dunkelroten leinwand wird
für ein fest von pablos siegen

Ja wir sehen zwei andre welten
Deine bunt und aufgeregt
meine reich und duftend

Ich seh das lachen meiner eltern
Ich höre die vielen schritte
meiner geschwister und ihrer kinder
Höre uns weinend singen
Valses und Boleros de navidad

ich rieche drei tage vor feiern
schon im hausflur all das essen
alle helfen tagelang
um ja nichts zu vergessen

Seh meine tios am grill
Con pollo y chorizo
Meine primos als djs
mit dembow und bachata
Und hör die alten schimpfen
Über esta música barata

ich seh meine leute
ich seh sie jeden tag
hier im bauch der bestie
von zu hause fernab

schuften wie tiere
in der gastro, fabriken
putzen und tanzen
als fachkräfte, künstler

seh sie für ihre kinder
einfach wundervolle welten zeugen
die sie selber oft nicht kannten
in der fremde heimat schaffen
an orten dunkel und kalt

und trotzdem
tragen sie nach draußen
all das was du siehst

all die freude, das lachen
die exotik, den reichtum
dass essen und trinken
die tänze die musik
all das wissen um das leben
und trotzdem ist
in allem unsrem nehmen
ein weiches warmes geben

ich wünschte bruder
dass du siehst was ich dir hier beschreibe
unsre freude unser lieben
ist auch zeugnis unsres leidens
g.r.KölnGesellschaft