Ich steh hier vor euch
als sohn einer kreuzberger mutter einer tochter königsbergs die geboren in ruinen die scherben ihrer seele und die narben dieses krieges niemals recht verwand deren vater ob all der soldaten, panzer, heere nicht mehr sprach und nur noch schrie der fremde dinge mied sachen wie meinen fremden Vater einfach nicht verstand ich stehe hier als kind eines chilenischen migranten eines träumers und poeten der bilder der zerrissen und verschwiegen wurde durch die gräuel der verstümmelung der zerstückelungen der träume seines ganzen volkes die flucht und das neue leben in diesem deutschen land der all das nie benannte der schwieg und funktionierte ich bin ein kind von kriegen und hab sie selber nicht erlebt die kämpfe meiner ahnen sie brennen in den herzen meiner eltern legten alles in schutt und asche ließen felder voller narben es wuchsen dunkle dschungel voller trauma angst und schmerz sie ließen mich wachsen in schmerz und angst und einsamkeit in einem land das den krieg der meine mutter brach niemals wirklich verstand das sich selbst schuf aus ruinen mit dem mörtel und den steinen der zerstörten nazipaläste dessen alte funktionäre lachend in neuem gewand eine republik erschufen deren geist bis heute die selben färben trägt deren arme haben unter ihren kleidern die binde niemals abgelegt statt dem krieg und seinen kindern in diesem wissen zu entsagen verboten sich die fragen nach ursache und herkunft nach verantwortung und täterschaft nach den wurzeln dieser ungleichheit den gründen für trennung hass und tod und heute steh ich hier vor euch als kind dieser kriege zeugnis von diktaturen in denen faschisten und nazis als mörder meiner völker die seelen meiner ahnen brachen von all denen die nicht sprachen all den komplizen, helfern tätern äscherten sie die herzen ein machten sie kahl und stumpf löschten so die wurzel aus und trennten sie von dem urgrund aller liebe das wissen um die schuld schnitt sie ab und trennte sie ließ sie ohne hoffnung allein im dunkel dieser schuld diesem loch der schande kahl und leer blieb nichts nichts als angst angst und schmerz und gier die kleinste funken schnell zu mord und hass dann trieben und die andren all die opfer dieses wahnsinns lebten zerschlissen das innerste ein schlachtfeld voll schützengraben aus rotem leid kranke folterkammern die immer wieder jede nacht die gleichen bilder malten in träumen schwarz und kalt von all den toten geliebten all dem hass und der erniedrigung die das tote herz der anderen ihnen täglich heiß zu fressen gab und heute steh ich hier als kind der diktaturen und hör die lieder meiner ahnen all ihr leid und ihre ängste und seh mich selbst voll sorge in den augen meiner kinder denn die alten braunen geister sie fliegen wieder durch das land singen laut die alten lieder von angst und hass zünden lachend all die herzen an und warten auf den krieg
g.r.KölnGesellschaft