gabriel riquelme
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Ich steh hier vor euch

als sohn einer kreuzberger mutter
einer tochter königsbergs
die geboren in ruinen
die scherben ihrer seele
und die narben dieses krieges
niemals recht verwand
deren vater ob all der soldaten, panzer, heere
nicht mehr sprach und nur noch schrie
der fremde dinge mied
sachen wie meinen fremden Vater
einfach nicht verstand

ich stehe hier
als kind eines chilenischen migranten
eines träumers und poeten der bilder
der zerrissen und verschwiegen wurde
durch die gräuel der verstümmelung
der zerstückelungen der träume
seines ganzen volkes
die flucht und das neue leben
in diesem deutschen land
der all das nie benannte
der schwieg und funktionierte

ich bin ein kind von kriegen
und hab sie selber nicht erlebt
die kämpfe meiner ahnen
sie brennen in den herzen meiner eltern
legten alles in schutt und asche
ließen felder voller narben
es wuchsen dunkle dschungel
voller trauma angst und schmerz

sie ließen mich wachsen
in schmerz und angst und einsamkeit
in einem land
das den krieg der meine mutter brach
niemals wirklich verstand
das sich selbst schuf aus ruinen
mit dem mörtel und den steinen
der zerstörten nazipaläste
dessen alte funktionäre
lachend in neuem gewand
eine republik erschufen
deren geist bis heute
die selben färben trägt
deren arme haben unter ihren kleidern
die binde niemals abgelegt

statt dem krieg und seinen kindern
in diesem wissen zu entsagen
verboten sich die fragen
nach ursache und herkunft
nach verantwortung und täterschaft
nach den wurzeln dieser ungleichheit
den gründen für trennung hass und tod

und heute steh ich hier
vor euch als kind dieser kriege
zeugnis von diktaturen
in denen faschisten und nazis
als mörder meiner völker
die seelen meiner ahnen brachen

von all denen die nicht sprachen
all den komplizen, helfern tätern
äscherten sie die herzen ein
machten sie kahl und stumpf
löschten so die wurzel aus
und trennten sie
von dem urgrund aller liebe
das wissen um die schuld
schnitt sie ab und trennte sie
ließ sie ohne hoffnung
allein im dunkel dieser schuld
diesem loch der schande
kahl und leer
blieb nichts
nichts als angst
angst und schmerz und gier
die kleinste funken schnell
zu mord und hass dann trieben

und die andren
all die opfer dieses wahnsinns
lebten zerschlissen
das innerste ein schlachtfeld
voll schützengraben aus rotem leid
kranke folterkammern
die immer wieder jede nacht
die gleichen bilder malten
in träumen schwarz und kalt
von all den toten geliebten
all dem hass und der erniedrigung
die das tote herz der anderen
ihnen täglich heiß zu fressen gab

und heute steh ich hier
als kind der diktaturen
und hör die lieder meiner ahnen
all ihr leid und ihre ängste
und seh mich selbst voll sorge
in den augen meiner kinder

denn die alten braunen geister
sie fliegen wieder durch das land
singen laut die alten lieder
von angst und hass
zünden lachend all die herzen an
und warten auf den krieg
g.r.KölnGesellschaft